Kewitsch, Johannes
Pianofabrik, Berlin, 1878 – 1938
Hochachtung, Johannes Kewitsch war Stimmer an der Königl. Hochschule für Musik, Abteilung für ausübende Tonkunst, zu Berlin. Nach dem Berliner Adressbuch (1884) bot er „billigst Flügel, Pianinos und Harmoniums eigener Fabrik und auswärtiger vorzüglicher Fabrikanten zu Kauf und Miete, auch werden gebrauchte Instrumente in Zahlung genommen, auf Wunsch auch wieder in gut brauchbaren Zustand hergestellt“. (1) 
1889 in Berlin: „Ein junger japanischer Wissenschaftler, Dr. Tannaka, hat vor dem Tonkünstler-Verein zu Berlin einen Vortrag über ein neues System der vollkommenen mathematischen Stimmung gehalten, das er nach eigenen Angaben entwickelt hat. Es soll auf den Entdeckungen von Helmholtz und Engel basieren und diese in praktischer Form veranschaulichen. Papendieck lieferte eine praktische Demonstration des Systems auf einem Harmonium, das eigens von Johannes Kewitsch angefertigt worden war“. (Musikpädagogische Blätter).
1892 erhielt Kewitsch das Deutsche Reichs-Patent auf „Claviatur-Musik-Instrumente zur Erzielung einer reinen harmonischen Stimmung“.
Was war das für ein Patent? Ein System für reine Stimmung. „Besondere Vorzüge dieser Instrumente sind: Gesangreicher, großer Ton, allen Anforderungen der Neuzeit entsprechend auf das Sorgfältigste ausgeführt. Mäßige Preise, unbeschränkte Garantie. Reichste Auswahl, coulanteste Bedingungen. Preis-Verzeichnisse umsonst. — Alte Instrumente werden in Umtausch genommen und zu den höchsten Preise angerechnet“. (1)
Nochmal zum Patent 58250
„Wiederholt ist in unserer Zeitschrift auf die interessanten Versuche zur Erzielung einer mathematisch reinen Stimmung hingewiesen worden. … Heute liegt uns eine Einrichtung des Instrumentenbauers Johannes Kewitsch in Berlin W., vor, auf welche derselbe das deutsche Reichspatent No. 58250 erhalten hat. …
Diese Erfindung beruht auf der Voraussetzung, daß für die musikalische Praxis eine annähernd reine Stimmung, bei der die Tonverschiedenheit des ersten Komma-Unterschiedes noch jedes Mal rein möglich ist, vollständig ausreicht. Für solche angenähert reine Stimmung ist die hier beschriebene Einrichtung für Klaviatur-Instrumente geschaffen, bei welcher insbesondere jede Stimmungsschwierigkeit beseitigt ist und die bei 24 Tönen innerhalb der mit den Tasten greifbaren Octave selbst bei Klavieren noch bequem praktisch ausführbar sein soll.
Sodann ist das Spielen bei Anwendung der vorliegenden Einrichtung mit keiner Nebenarbeit, wie Klaviaturvorschieben oder Pedaltreten, verbunden; es wird, wie allgemein üblich, auf den Tasten gespielt; ein jeder auf Klaviatur-Instrumenten. Jeder Bewanderte kann ohne jede Vorübung ein mit dieser Einrichtung versehenes Instrument handhaben und dazu von jedem in üblicher Weise geschriebenen Notenblatt spielen.
Der Kommaton-Unterschied ist bekanntlich darin bedingt, daß die vierte in Octaven zurückgeführte Quinte eines Tones nicht ganz gleich der reingestimmten Terz des gedachten Tones ist. Dies gilt für jeden Ton, der mit irgendeiner Taste eines Klaviatur-Instrumentes anschlagbar ist. Es liegt deshalb der Gedanke nahe, daß man bei einer ganz gewöhnlichen Klaviatur mit temperirter Tonordnung neben jeder Taste eine Neben- taste liegen haben könnte, die, wenn die reine Terz ertönen soll, statt der Haupttaste anzuschlagen ist. Letztere giebt nur den temperirten Terzton.
Eine derartige Anordnung verwirklicht, heißt, es liegen zwei Klaviaturen ganz gewöhnlicher Art so nebeneinander, daß die spielenden Hände sie beide zusammen leicht fassen und beherrschen können. Jede Klaviatur hat ihre eigenen, die gebräuchlichen 12 Töne innerhalb jeder Octave gebenden Tonerzeugungswerke. Diese sind also im Instrument auch doppelt vorhanden. Für jede Klaviatur sind die Tonerzeuger, also Saiten, Stimmenzungen oder Orgelpfeifen, in ganz gewöhnlicher Weise temperirt gestimmt. Ein jeder Ton der einen Klaviatur steht dabei nun aber zu demselben Ton der anderen Klaviatur in der Ton Verschiedenheit eines Komma-Unterschiedes; die Gesamtstimmungen der beiden Klaviaturen unterscheiden sich um ein Komma, oder ’/g Ton …“ – (2)
Wie viele Finger sollte dann eine Hand haben?
Dazu die Erfindung ein Piano „… stumm zu machen“?
Kewitsch teilte 1892 mit:
„Die Erfindung Pianinos stumm zu machen, event. sie als stille Claviatur zu benutzen, brachte zuerst A. Dumas in Paris zur Ausführung. Es erreicht dasselbe jedoch durchaus nicht seinen Zweck. Das veranlasste mich im Jahre 1873 ein Instrument zu gleichem Zweck, jedoch mit entgegengesetzter Construction wie das von Dumas construirte herzustellen. Die Tonkraft desselben lässt sich allmählig bis auf stumm bringen. Die Spielart lässt sich von der gewöhnlichen auf leichtere und zurück auf schwerere wie bei der Orgel stellen. Bei stummer Claviatur hat man dieselbe Spielartverstellung. Die Mechanik dieser Einrichtung hat den Vorzug, dass sie äußerst dauerhaft und in ihrer Wirkung nicht veränderlich ist“. (2)
Das Jahr 1893 brachte unter der Rubrik „Sprechsaal“ eine Fülle von Diskussionen von verschiedenen Fachleuten über das Thema: Klavierstimmen – von wem? Von Pfuschern, von gutgemeinten Kantoren, von Klavierstimmern und von Musiklehrern mit gegenseitigen Beschuldigungen. Auf vielen Seiten ist das Thema ausgeprägt. Heute, wenn es nicht ähnliches in manchen Diskussionsrunden gäbe, amüsant.
Beispiel: „Wenn ein Klavierstimmer an einen entfernten Ort berufen wird, so führt er diesen Auftrag gewöhnlich in der Hoffnung aus, auf dem Wege noch andere stimmbedürftige Instrumente zu finden, da ein einzelnes, bei Hin- und Rückfahrt sowie Unterhalt im Gasthofe, schlecht rentiert. Wenn es dann aber heißt: Es tut mir für dieses Mal leid, der Herr Lehrer hat mir mein Klavier erst vor kurzer Zeit gestimmt, so hat sich eben der Stimmer verrechnet, und er ist für diesen Tag auch dann noch geschädigt, wenn er auch das Doppelte seines gewöhnlichen Preises von dem Einzelnen erlangt hat. Aber nicht nur der gelernte Stimmer ist geschädigt, sondern auch Derjenige, der sein Klavier dem Lehrer zum Stimmen überließ; denn ein Klavier richtig zu stimmen ist eine Kunst, die ebenso gut gelernt und studiert werden muß, wie der Lehrerberuf und ebenso wenig von einem Laien richtig ausgeführt werden kann wie der letztere. Der Lehrer, der Klaviere stimmt, schädigt seine Klienten, weil er in der Regel wegen ungenügender Kenntnisse und Erfahrungen die Instrumente ruiniert und zu Grunde gehen lässt; er schädigt seine Schüler, die auf seinen gestimmten Instrumenten Musikunterricht nehmen sollen, und Letzteres ist das Traurigste …„

„… hat meine Erwiderung vielmehr den Zweck, den unerfahrenen Klavierstimmern praktisch erfahrene Winke nachzuweisen und den erfahrenen klarzumachen, woran es denn eigentlich liegt, dass die wirklichen Klavierstimmer jetzt wenig oder gar nichts mehr zu tun haben. In Wirklichkeit gibt es nur sehr wenige Klavierstimmer; das Gros der ’sogenannten Klavierstimmer‘ sind ‚Berufspfuscher‘. Diese letzteren bilden sich aus allen Volksklassen, wie verbrauchte Opernsänger, Kammermusiker, Kneipenspieler und zum größten Teil aus angepfuschten Musikern. Außerdem gibt es ein ganz geringes Gesindel, welches sich als Klavierstimmer ausgiebt…“ (2)
1903, feierte die Firma ein Doppeljubiläum. „Vor 25 Jahren begründete er sein Geschäft, und zu gleicher Zeit wurde ihm das Stimmen sämtlicher Klaviere in der Königl. akademischen Hochschule für Musik übertragen, ein Amt, daß er bis jetzt in gewissenhaftester Weise und zur größten Zufriedenheit ausgeführt hat. Da Herr Kewitsch, der übrigens als ein tüchtiger Fachmann bekannt ist, sich der besten Gesundheit erfreut, wird er hoffentlich noch manches Jahr in gewohnter Arbeitsfreudigkeit und Rüstigkeit seine Tätigkeit ausüben können“. (2)
1906, Auf besondere Veranlassung der Ausstellungsleitung der Musik-Ausstellung in Berlin hatte Herr Johannes Kewitsch seine Harmonie-Orgel mit gewöhnlicher und annähernd reiner Stimmung ausgestellt, und fand damit die Anerkennung aller Sachverständigen, nachdem diese Erfindung bereits vor vielen Jahren gewürdigt worden ist.
Am 31. Dezember 1909 starb Johannes Kewitsch im Alter von 62 Jahren.
Aus seinem Nachruf:
„Als Sohn eines mit 24 Kindern gesegneten Landschullehrers und Organisten in Westpreußen hatte Johannes Kewitsch Gelegenheit, nicht nur zur Kirchenmusik in ein inniges Verhältnis zu kommen, sondern auch zu den Kircheninstrumenten, die in seinem späteren Wirken bedeutende Bereicherungen erfahren sollten. Nachdem er in Danzig seine Lehrzeit als Instrumentenbauer
absolviert hatte, ging er jung und unternehmungslustig im Jahre 1868 nach Berlin, wo er zuerst bei dem Orgelbauer Buchholz und später in der Hofpianofabrik von W. Biese tätig war. Dann machte er sich selbständig und gründete das unter seinem Namen bekannt gewordene Orgel-, Harmonium- und Klaviergeschäft, dass sich mit den Jahren zu seinem heutigen Umfange und Rufe entwickelte.
Eine ganz besondere Anerkennung wurde Kewitsch zuteil, als er bald nach der Eröffnung des Geschäfts, im Oktober 1878, zum alleinigen Stimmer an der Königl. Akademischen Hochschule für Musik in Berlin ernannt wurde. Als solcher ist er auch bis an sein Lebensende tätig gewesen.
Eingehende Beschäftigung mit wissenschaftlich-technischen Fragen und seine Verbindung mit einem in Deutschland studierenden japanischen Physiker führten ihn dann zu der Erfindung eines Harmoniums mit Reinstimmung. Das interessante Instrument erregte das Interesse auch der höchsten Kreise, und so wurde Johannes Kewitsch auch 1891 ins Kgl. Schloß gerufen, um das Instrument dem Kaiser vorzuführen. Die allzu komplizierte Erfindung führte ihn dann auf eine selbständig erfundene Vereinfachung dieser Idee, nach welcher er ein Harmonium in Reinstimmung mit 24 Tönen in der Oktave konstruierte. Das kgl. preuß. Ministerium vermittelte ihm auch die Teilnahme mit diesem Instrument an der Internationalen Musik- und Theater-Ausstellung in Wien 1892.
Im letzten Jahrzehnt wurde der unermüdlich schaffende Meister, der sein Geschäft ständig erweitern konnte, ganz besonders durch seinen Sohn, Hans Kewitsch, unterstützt, der sich allmählich in alle Zweige des väterlichen Geschäfts einarbeitete. Leider nahm in den beiden letzten Jahren ein Herzleiden, das sich bei ihm eingestellt hatte, immer ernstere Gestalt an und setzte schließlich seinem erfolgreichen, arbeitsamen Leben ein Ziel“. (2)
Das 50-jähriges Geschäftsjubiläum der Firma Johannes Kewitsch wurde 1928 gefeiert.
1909 „übernahm sein Sohn Hans Kewitsch, der im Geschäft seines Vaters die beste technische Ausbildung erhalten hatte, die Leitung des Geschäfts und führt es in unveränderter Weise fort, so dass die Gewähr für ein weiteres Blühen und Gedeihen des Unternehmens in den Traditionen seines Begründers auch in Zukunft geboten ist“. (2)
Am 1. Oktober 1932 verlegt die Firma Johannes Kewitsch in Berlin W, Potsdamer Straße 27 B, ihre Handlung mit Reparaturwerkstatt Berlin nach W 66, LützowpIatz 8.
„… ob die Fabrik noch betrieben wird, ist nicht bekannt. Er kann am 1. Okt. 1938 das 60-jährige Jubiläum der Firmengründung feiern“. (Henkel)
Anfang 1950 starb Hans Kewitsch im Alter von 71 Jahren.
Quellen:
(1) Lieveverbeeck
(2) Zeitschrift für Instrumentenbau




