Funke, Otto
Klavierbaumeister Otto Funke, Dresden und Radebeul
Alle möglichen Quellen und Nachweise habe ich ausgeschöpft. Seine Fachbücher sind bekannt, nicht bekannt sind Klaviere des Klavierbaumeister Otto (nicht Wilhelm) Funke. Eine Frage steht über allen wer weiß noch etwas von ihm.
Eine sehr amüsante Geschichte fand Herr Jan Großbach, aus einem Manuskriptbuch schrieb er für uns:
„25.8.1965.
2. Manuskriptbuch für „Freud und Leid eines Klavierbauers“.
Eine kleine Plauderei aus meinem Berufsleben mit Erinnerungen an das liebe alte Dresden von
1880 bis 1945 und von 1945 bis 1965.
Otto Funke
36> Der Sommer ging nun bald wieder zu Ende und der Herbst hielt seinen Einzug, womit auch
wieder die Konzertsaison begann und viele besondere fachliche Aufgaben zu erledigen waren. So
kam auch für mich, neben verschiedenen anderen, doch ein ganz besonderer Auftrag für ein Konzert
des großen Künstlers Max Reger, in einem großen Konzertsaal, den Konzertflügel zu stimmen und
zu überprüfen, was von mir auch freudig, prompt und nach Möglichkeiten bestens ausgeführt
wurde. Das Konzert wurde für mich nun natürlich ein ganz besonders erwartungsvoller Abend. Der
Konzertsaal war, wie schon vorauszusehen, überfüllt, da man den [2] als Komponisten für
bedeutende Orchester und Orgelwerke, sowie als Dirigenten schon weitbekannten jungen Künstler,
nun auch als Pianisten hören wollte. Der riesige Konzertflügel wurde hochgestellt und nach kurzer
Zeit erschien der Künstler Max Reger, stürmisch begrüßt von dem erwartungsvollen Publikum.
Seine große Gestalt gab schon einen guten Eindruck, doch machte seine ernste Miene einen etwas
betrüblichen Eindruck, was ihn gewiß älter erschienen ließ, als er zu dieser Zeit mit etwa nur 35
Jahren, war. Sein Spiel wurde sodann natürlich nach jedem Stück mit riesigem Beifall
aufgenommen und konnte er sich auch, trotz des sehr reichhaltigen Programmes, am Schluß doch
einer Zugabe nicht entziehen und der Beifall wollt kein Ende nehmen. Jedenfalls war es auch für
mich wieder ein besonders genußreicher Abend.
Ich konnte es nun auch kaum erwarten, abschließend noch Herrn Berdux sprechen zu können, um
zu hören, wie der Flügel den Künstler befriedigt habe. Herr Berdux kam dann mit einer etwas
ernsten Miene auf mich zu und sagte zu mir: „Was denken Sie was [3] der Herr Reger über den
Flügel gesagt hat?“ „Uff so an dreckigten Flügel hab‘ ich mein Lebtag no nit gespuilt!“Ich war
darüber natürlich wenig erfreut; jedenfalls aber hatte das Spiel voll befriedigt, nur hatte man nach
meiner sauberen Arbeit dann den vorderen Tastendeckel wieder hochgestellt, worauf dann bei der
Saalreinigung vor dem Konzert, sich der ganze Staub auf die Tasten gelegt hatte. Ein recht
bedauerlicher Vorfall, doch das Konzert hatte voll befriedigt und ich hatte die besondere Ehre, für
den bedeutenden Künstler, Max Reger, zum Konzert den Flügel stimmen zu dürfen. – Recht
bedauerlich ist nur, daß auch diesem Künstler, von dem gewiß noch sehr viel zu erwarten gewesen
wäre, nach einer recht vielseitigen, mühevollen und erfolgreichen Arbeit, aber auch manchen
persönlichen Belastungen, ein nur so kurzes Leben von 43 Jahren beschieden sein sollte. (*19.3.73
+11.5.1916.) –
So kamen in den verschiedenen Konzerten oft namhafte Künstler aufs Programm, sowie ebenso im
Theater und Schauspielhaus bedeutende Köpfe zu bewundern waren, so daß es durch den Besuch
dieser Veranstaltungen [4] immer recht viel schöne Abwechslungen gab, und die Zeit dadurch recht
schnell verging.
So war auch schon bald Weihnachten vorüber und das neue Jahr 1906 hatte seinen Einzug gehalten.
Betrieblich gab es ja auch immer reichlich zu tun und meine nunmehrige Stellung als Intoneur
brachte mir immer Freude, da mein Chef und Herr See auch immer recht zufrieden mit meiner
Arbeit waren. – So kam eines Tages auch wieder ein besonderer Auftrag für mich und zwar diesmal
nach Bad Wörishofen im Allgäu, um in der berühmten Wasserkurstätte Kneipp, dort den Flügel zu
stimmen und in Ordnung zu bringen. Die Fahrt von München ging nun wiederum an der Nordspitze
des Ammersees vorüber, über Landsberg und Buchlohe nach Wörishofen, was mir wiederum
verschiedene neue Naturschönheiten dieser herrlichen Alpenwelt bot.
Die Kurstätte nach dem System von Pfarrer Kneipp hatte eine ruhige Lage, mit größeren
Rasenflächen für die besonderen Kurmethoden und bot auch einen schönen Ausblick.
Der Flügel stand in einem größeren Saal und war mir [5] ein noch unbekanntes Fabrikat, aber recht
solid gebaut, aber vermutlich infolge öfterer Temperaturveränderungen und Fensterzug, sehr stark
verstimmt. So zeigte er auch in der Spielart viele offene Wünsche. Nach zunächst gründlicher
Säuberung des Flügels wurde er zunächst einmal auf Normal – A hochgestimmt und die
verschiedenen Mechanikteile repariert, in Ordnung gebracht und daraufhin die Mechanik
einreguliert, sowie die stark quietschenden Pedale in Ordnung gebracht. – Nach einem mir in dem
Kurhaus gewährten, recht guten Mittagessen, wurde der Flügel sodann fertig gestimmt und
intoniert, sowie die Mechanik nochmals durchreguliert, so daß der Flügel wieder tonlich recht gut
und auch im Spielgefühl [?] befriedigend sein mußte, was mir auch seitens der Kurleitung gern
bestätigt wurde. Nach einem mir dort noch gebotenen guten Kaffeegenuß und kurzer Besichtigung
der „Kneipp“-Methode, ging die Fahrt auf dem gleichen Wege am Ammersee vorüber, mit dem
herrlichen Anblick der Gebirgskette, wieder recht befriedigt nach München zurück.
Nach meiner, am nächsten Tage üblichen Berichterstattung über den Ausgang meines Auftrages in
Wörishofen war auch Herr Berdux wieder ersichtlich voll zufrieden. [9.9.65]
[6]
37> Die Arbeiten im Betrieb gingen nun wieder lebhaft weiter und wurde es für mich jetzt
besonders interessant, da ich nun auch noch zu den Intonationen der „Berdux-Flügel“ eingeführt
wurde, was mich besonders erfreute, da damit nun alle meine Wünsche, weiteres zu erlernen, voll
erfüllt wurden. Besondere Arbeiten in dem großen Magazin in München und die verschiedensten
Aufträge von Privatkunden ließen die Zeit immerwieder recht schnell vergehen, so daß der auch
inzwischen eingekehrte Sommer wieder schöne Abwechslungen durch die Sonntagsausflüge mit
dem Freund und Kollegen Eduard Authenrieth brachte. Trotz allem kam nun doch bei mir schon
immer wieder der Gedanke durch, wie soll es jetzt weiter gehen, nachdem ich bald meine
vorgenommene Zeit von etwa 2 Jahren zur weiteren fachlichen Lehre, jetzt bei Firma Berdux, doch
bald erfüllt hatte.
Der besondere Wunsch, doch aber auch vor Ablauf dieser Zeit, einen, wenn auch nur kürzeren
Urlaub zu erleben, drängte mich direkt dazu, mit dieser wohl verständlichen Bitte, bei Herrn Berdux
vorstellig zu werden, was mir dann auch bald, vom Betrieb für 8 Tage gewährt wurde. Mein
besonderer Wunsch und besonderes Ziel konnte [7] da natürlich nur sein, das immer nur aus weiter
Ferne gesehen „Zugspitz-Gebiet“ und die bestimmt reizvolle nähere Umgebung mit ihren gewiß
vielen Naturschönheiten und Besonderheiten kennen zu lernen. So wurde mir, nach einigen
Erkundigungen, als geeignetster Ort dazu empfohlen, meinen Ferienplatz im Oberallgäu bei
Garmisch-Partenkirchen, zu wählen, aber dort ja nicht zu versäumen die schöne Partnachklamm
und vor allem die besonders wildromantische „Höllentalklamm“ zu durchwandern. Zugleich wurde
mir noch ein nettes kleineres Hotel in schöner Lage empfohlen, wo ich bestimmt für 8 Tage gute
Unterkunft finden würde. So drängte nun auch schon die Zeit wieder, meinen Urlaub bald
anzutreten und wurde dafür Anfang Juli 1906 für einen Sonntag frühzeitig die Abreise nach
Garmisch-Partenkirchen festgelegt, wobei ich die besondere Freude hatte, daß mich mein Freund
und Kollege „Ede“, bis an mein Ziel mit begleiten wollte, da auch er Obergrainau selbst noch nicht
kenne. So rückte der Reisetag bald heran und das geringe Reisegepäck für die kurze Zeit von 8
Tagen war bald für den [8] Rucksack zurecht gelegt. Ein einfacher Sportanzug mit Kniehose und
Lodenhut, dazu derbe Schuhe und ein einfacher Hakenstock mit fester Metallspitze, war die ganze
Ausrüstung für den Urlaub, der ja vorallem nur Erholung in der herrlichen Alpenwelt sein sollte.
Das sommerliche Wetter war immer recht schön und beständig, so daß ich hoffen konnte, dies auch
noch an meinen Urlaubstagen genießen zu können. So kam denn der festgelegte Sonntag etwa
Anfang Juli bald heran, wo ich mich mit Freund „Ede“ am Bahnhof in München zum ersten
Frühzug nach Garmisch-Partenkirchen treffen wollte. Mit gewohnter Pünktlichkeit und mit Freude,
bestiegen wir gemeinsam den Zug und mit frohen Erwartungen bei herrlichem Wetter ging die
Reise in die ersehnte Urlaubszeit ab. Die Fahrt ging zunächst wieder über das mir ja bekannt
gewordene Starnberg, ein gutes Stück am See entlang, dann aber weiter über Weilheim, am
Staffelsee vorüber, nach Murnau und weiter dem schönen Loisachtal folgend, wobei wir auf dieser
Fahrt bereits immer herrliche Anblicke auf das prächtige weite Wettersteingebirge mit den
besonderen Erhebungen des Krottenkopfes; des Kramers, Kiemeckes[?], [9] der besonders
auffallenden Alpspitze und vorallem der hier schon in seiner ganzen Größe erscheinenden
„Zugspitze“, mit dem ihr vorgelagerten kleineren Waxensteinen geboten wurde. Und schon war
durch diese herrlichen Anblicke die Fahrt fast zu schnell beendet und Garmisch-Partenkirchen
erreicht. Nach einem nur kürzeren Umgang durch diesen reizvollen, über 700 m hochgelegenen
Gebirgsort strebten wir sodann gleich der Landstraße nach unserem Ziel „Obergrainau“ zu. Und hier
zeigte sich jetzt in seiner ganzen Erhabenheit, Pracht und Schönheit das wuchtige
Wettersteingebirge. Durch ungetrübten Sonnenschein erstrahlten hier besonders die scharfkantig
erscheinende schneebedeckte Alpspitze, 2628 m, dann folgten die Höllentalspitze, die Waxensteine
und hinter diesen schließlich die alles überragende, unbeschreiblich herrliche Zugspitze, 2983 m,
um welche sich einige hundert Meter unter ihrem Gipfel eine dichte Nebelwand leicht bewegte und
damit das Bild umsomehr interessanter und unvergeßlicher gestaltete. Unter dieser, verhältnismäßig
schmalen Nebelwand zeigte sich dafür im strahlenden Sonnenglanz, in leuchtendem Weiß, der
Höllentalferner, mit seiner gewiß tiefen Schneebedeckung [10] mitten im Sommer! Ein
unbeschreiblich herrlicher, unvergeßlicher Anblick. Denn von hier aus kommt dann aber bei
Tauwetter immer die große Gefahr der Lawinenstürze, besonders in das Höllental. –
Bei unserer weiteren Wanderung gab es noch verschiedenste, unmittelbar am Wege stehende, in
Oberbayern besonders übliche, reich geschnitzte, meist religiöse Holzkreuze oder Gedenktafeln zu
bewundern, welche zumeist den dort im Alpengebiet verunglückten Bergführern oder besonders
bekannten Touristen gewidmet sind.
38> So ging unser Weg auch damit noch abwechslungsreich weiter. Plötzlich ergriff Freund „Ede“
meinen Rucksack in der Meinung, daß er für mich für die längere Wanderung doch zu schwer
werden könnte, was natürlich bei dem geringen Inhalt nicht der Fall sein konnte. Doch er ließ nicht
nach und mußte eben in solcher Freundesart immer helfend sein und so trug er eben den Rucksack
bis an unser Ziel weiter. So war denn auch unser schöner Wanderweg bald beendet; Obergrainau
erreicht und das mir empfohlene kleine Hotel gefunden. Ein nettes einfaches Zimmer mit schönem
Ausblick, stand für meine kurze Urlaubszeit und zu meiner vollen Zufriedenheit, gern zur
Verfügung. [11] Die Wirtin des Hotels hatte anfangs natürlich angenommen, daß wir ein
Zweibettzimmer nehmen wollten, doch klärte Freund „Ede“ sie sogleich spaßhaft auf, daß er mich
nur nach Obergrainau begleitete, und dabei den ihm noch unbekannten Gebirgsort in der schönen
Lage, inmitten der ihm mehrerseits beschriebenen herrlichen Alpenwelt, kennen zu lernen. Leider
müsse er aber am selben Abend wieder zurück nach München, da sein Urlaub erst in etwa 4
Wochen beginne und er diesen bei seinen Eltern in Stuttgart verbringen würde. –
Wir unternahmen sodann noch eine kleine Wanderung zur Bewunderung dieser herrlichen Lage,
wobei sich die „Zugspitze“ in ihrer, alles andere überragenden Größe, gegen Süden, wieder in ganz
anderer Beleuchtung, wie ebenso die Alpspitze mit ihren weißstrahlenden Schneefeldern, abhob, als
am frühen Morgen bei unserer Anreise. Nach dem Westen erschien nun das interessante Allgäuer-
Alpengebiet in besonderer Sonnenbestrahlung und nach Norden der hier jetzt besonders beleuchtete
„Kramer“ 1982 m hoch. Nach voller Befriedigung über diese herrlichen, so verschiedenen
Alpenbilder kehrten wir wieder in das Hotel zurück, um nun unser letztes [12] gemeinsames Mahl
im schönen Obergrainau einzunehmen da ja auch bald an die Rückfahrt Freund „Edes“ nach
München gedacht sein mußte. Nach kürzerer Zeit trat die sehr freundliche Hotelwirtin an unseren
Tisch und fragte Freund Ede, ob er ev. gewillt sei, zu seiner Rückkehr nach München, einen in etwa
einer Stunde nach Garmisch-Partenkirchen abfahrenden Wagen, zur Abholung von zu erwartenden
Gästen, mitbenutzen wolle, worüber wir natürlich freudigst überrascht waren und Freund Ede sofort
herzlich gern zusagte, da er sich damit den reichlichen Weg zu Fuß wieder ersparen konnte und wir
dadurch auch noch etwas mehr Zeit zu unserer Unterhaltung hatten. Auch die Wirtin war sichtlich
erfreut, daß ihr Angebot uns so recht befriedigte und würde sie uns rechtzeitig von der Abfahrt des
Wagens Bescheid geben. Unsere weitere Unterhaltung wurde nun hauptsächlich dem freundlichen
Angebot der Rückfahrt mit dem Wagen nach dem Bahnhof Garmisch-Partenkirchen bestimmt und
so mußte auch wohl bald unsere Trennung eintreten. Nach kürzerer Zeit kam auch wie erwartet der
„Ober“ zu unserem Tisch mit der freundlichen Erklärung, daß der Wagen zur Abfahrt nach
Garmisch bereit sei und um baldiges [13] Besteigen desselben gebeten würde. Eine besondere
weitere Vorbereitung für uns bedurfte es nicht, da ja keinerlei Gepäck zu transportieren war. So
wurde das nette Hotel verlassen und der bereitstehende Kutschwagen von Freund „Ede“ nach
herzlicher Verabschiedung und mit allen guten Wünschen, auch seitens der Frau Wirtin, bestiegen
und nach langem Abschiedswinken verschwand der Wagen mit meinem lieben Freund und
Kollegen Eduard Autenrieth in der Ferne, und so stand ich wieder da, als „Einzelgänger“ auf weiter
Flur, in einer für mich hier noch fremden Welt! [24.10.65]
Nach einem nur kurzen Abendessen suchte ich dann mein Quartier auf, mit dem Gedanken, daß
nach den so verschiedensten Erlebnissen und Eindrücken des ganzen Tages, wohl eine erhoffte und
gewünschte, notwendige Ruhe ausbleiben würde. Doch kam es glücklicherweise anders: Durch die
Fahrt von München nach Garmisch-Partenkirchen und von da die Wanderung nach Obergrainau,
dann die dortige kleine Umgehung des Ortes und vorallem wohl durch die so herrliche Gebirgsluft,
überkam mich doch schnell ein herrlicher, erquickender und langer ungestörter Schlaf, sodaß ich
direkt zum Langschläfer wurde. [14]
Dies war mir natürlich ganz besonders erwünscht, da ich mir vorgenommen hatte, diesen zweiten
Tag nun voll als Urlaubstag, also ohne jedes besondere Vorhaben ganz in Ruhe zu verbringen. Da
auch das Wetter nicht besonders gut erschien, so blieb ich im Hause und ließ das ganze schöne
Erlebnis des Vortages mehrmals im Geiste vorüber ziehen und genoß nun da vom Garten aus den
herrlichen Rundblick über die wundervolle Gebirgswelt und ging dann am Abend wieder zeitig zur
Ruhe. [4.11.65-13.11.65]
39> Der nun wieder erwartete gute Schlaf, bleb jedoch zunächst leider noch aus, da natürlich jetzt
die Gedanken kommen mußten, wie geht es nun mit dem Urlaub weiter? Vorallem drängten hier die
Pläne nach der mir so besonders empfohlenen Durchwanderung der Partnach- und Höllentalklamm
als wohl nächstes Vorhaben, doch wurde zunächst noch die im Hotel ausgelegte Landkarte der
dortigen Umgebung studiert und nun doch erst einmal noch eine Wanderung in Richtung „Plansee“
an der Tirolergrenze vorgesehen, um noch diese, wohl bestimmt auch schöne Gebirgsgegend
kennen zu lernen. Für die dann anschließenden Ferientage wurde denn die Partnach- und
Höllentalklamm als weiteres Wanderziel festgelegt, womit dann schon die reichliche [15] Hälfte der
doch kurzen Urlaubszeit genossen wäre. So wurde also am 3. Ferientage früh morgens bei schönem
klaren Wetter die Wanderung in Richtung „Plansee“ angetreten, mit dem besonderen Genuß der sich
auf dem Wege dorthin bietenden Naturschönheiten der oft recht wuchtigen Alpenbilder. Die Tiroler
Grenze mit den dort stationierten Grenzposten wurde auch bald erreicht und nach einer kürzeren
Ausweisung meiner Person und Angabe meines Zieles konnte ich völlig ungehindert in Tirol
einspazieren Die Wanderung konnte bei dem guten Gelände ohne jede Schwierigkeit bewältigt
werden, bis ich den in aller Ruhe und Stille erscheinenden „Plansee“ mit dessen vor allem nach
Süden prächtig erscheinenden Alpenwelt, mit dem mächtig aufstrebenden Zugspitzgebiet und der
Allgäuer Alpenkette besonders bewundern konnte. Nach einer weiteren Wanderung entlang der
Nordseite des „Plansees“ und schließlicher Einkehr in einer direkt am See gelegen netten Gaststätte
zum Mittagsmahl, kehrte ich zunächst denselben Weg entlang des Sees wieder zurück und wählte
sodann einen etwas höher am Gebirgsabhange [16] gelegenen Weg, um von diesem aus wieder
einen anderen Anblick der herrlichen Gegend genießen zu können. Nach einiger Wanderzeit war
auch wieder der Grenzposten erreicht und mit bewährter Freundlichkeit und Nachfrage, wie es mir
am Plansee gefallen habe, kehrte ich in das Heimatsgebiet nach Deutschland und schließlich nach
Obergrainau mit schönen Wandererinnerungen zurück.
Ein recht schöner Ferientag lag damit wieder hinter mir und nun mußte aber der Besuch der
„Partnachklamm“ und schließlich noch der „Hölltalklamm“ folgen. Die Wanderung zum „Plansee“
und wieder zurück ermüdete reichlich und so ging ich bald nach dem Abendessen wieder zur Ruhe
und fand auch den erhofften und erwünschten guten Schlaf. [22.11.65]
[8.12.56] Nach einem recht befriedigenden Schlaf nahm ich mir nach der langen Wanderung am
Vortage zum „Plansee“ doch vor, noch einen ruhigen Ferientag einzureihen und so durchstreifte ich
wieder nur die nächste Umgebung von Obergrainau, was was doch immerhin herrliche Bilder von
der unbeschreiblich herrlichen Gebirgs- und Alpenwelt bei der Tagesbeleuchtung bot. Nach den
verschiedensten Ruhepunkten in der Umgebung verbrachte [17] ich den Nachmittag und Abend
dann wieder in dem schönen Garten des Hotels in aller Ruhe und entschloß mich nunmehr am
nächsten Tag die Tour durch die Partnachklamm zu unternehmen, um auch diesen besonders
empfohlenen Ausflugspunkt kennen zu lernen. Die Nachtruhe war wieder voll befriedigend und so
ging es dann am Morgen des 5. Ferientages bei schlechtem Wetter, zunächst nach dem kleinen
schönen Gebirgsort Hammersbach und von da aus auf schönen Wegen zu Partnachklamm. Hier
überraschte mich zunächst der so friedlich dahinrauschende Gebirgsbach, bis ich dann nach
weiterer Durchstreifung der Klamm, doch andere stürmische Abstürze des Wassers durch die teils
recht engen Felswände erlebte, wobei auch noch der Wanderweg oft so schmal wurde, daß nur eine
Person gerade durchgehen konnte und dabei schon noch reichliche Wasserspritzer des
hinbrausenden Baches aufnehmen mußte. An sich ist die Partnachklamm gewiß recht naturschön,
doch hatte ich sie mir noch romantischer vorgestellt. Nach längerer Durchwanderung der Klamm
wendete ich mich dann auf [18] einen nach links abzweigenden Weg nach der direkt zur Zugspitze
führenden Straße, auf welcher man die Zugspitze in etwa 8 Stunden ohne besondere
Schwierigkeiten der Besteigung erreichen konnte. Da dies natürlich für mich nicht geplant sein
konnte, wendete ich mich davon wieder ab und schlug meinen weiteren Weg nach Partenkirchen
ein. Ich ging aber nicht bis zum Bahnhof um von da die Straße nach Obergrainau wieder zu
benutzen, wie bei meiner Anreise, sondern wendete mich von Partenkirchen sogleich links ab ab,
um den mir noch unbekannten Weg entlang der Südseite mit dem Blick nach Norden mit dem
„Kramer“ und dessen schöner landschaftlichen Umgebung zu genießen. Nach der damit dann
wieder reichlichen Wanderung des Tages, erreichte ich nun gegen Abend wieder mein Hotel in
Obergrainau und ging nach einem kräftigen Abendessen mit dem Entschluß, am nächsten Tag
wieder einen wirklichen Ruheferientag einzulegen, befriedigt zu Bett.
Nach einem wieder ungestörten langen Schlaf, begab ich mich nach dem Morgenkaffee wieder in
die schöne Hotelgartenanlage und anschließend zu kleineren Wanderungen in die, doch immer
wieder reizvolle nächste Um[19]gebung Obergrainaus. Nach diesen recht geruhsamen
Wanderungen kehrte ich am späten Nachmittag wieder in das Hotel zurück und hatte mich nun
inzwischen entschlossen, am Sonnabend als letzten Wandertag meines Urlaubs, die mir so
besonders empfohlene „Höllentalklamm“ zu durchwandern. Nach verschiedenen netten
Unterhaltungen mit einigen Gästen des Hotels, war auch dieser Ruhetag vorüber 40> und der nun
wieder angebrochene letzte Wanderweg, zur „Höllentalklamm“, stand mit vielen Hoffnungen und
Erwartungen bevor. Das herrliche Hochsommerwetter mit strahlendem Sonnenschein verlockte
geradezu rechtzeitig zum Aufbruch und so wurde der Weg zunächst wieder in Richtung
Hammersbach eingeschlagen. Nach einiger Wanderung und Anblicken der des unbeschreiblich
herrlichen Wettersteingebirges, mit seiner, zum Teil wieder in Nebel eingehüllten höchsten
Erhebung der „Zugspitze“, war der Zugang zur „Höllentalklamm“ auch bald erreicht. Nach kurzer
Wanderung entlang des sich rasend und schäumend durch und über die Felsblöcke stützenden
Wassers, kam ich an eine Stelle mit einem großen Schild: „Vorsicht! Wegen Lawinengefahr kein
Durchgang! Begehen auf eigene Gefahr!“ [20]
Ich stand hier zunächst vor einem Rätsel: „Lawinengefahr?“ Wie ist das möglich, mei einer doch so
verhältnismäßig weiten Entfernung der hier noch schneetragenden Berge? Nun diese Warnung
wurde von mir zunächst nicht besonders beachtet, da es mich zu sehr reize, davon mehr zu sehen
und zu erfahren und so stieg ich die zum Teil so kunstvoll angelegte Klamm doch weiter aufwärts.
Der immer steilere Weg mit Tunnels und Brücken wurde immer schmaler und die hohen Felswände
schlossen sich nach oben immer mehr zusammen, so daß das ganze Bild mit dem stürmisch
dahinbrausenden Gebirgsbach immer hochromantischer, ja fast beängstigend wurde. Doch der Weg
wurde fortgesetzt, bis ich an eine hohe Felsspalte kam, in der ich eine, bis zu einer unabschätzbaren
Höhe eingeschichtete [?] Schneedecke sah, welche doch nur die abgestürzte und sich hier
eingebettete Lawine sein konnte. Je näher ich der Sache zukam, umsomehr mußte ich ich diese
Riesenschneemenge bewundern, aber zugleich auch die große Gefahr erkennen, wenn die sich
durch die Wärme auflösende Lawine in die Klamm abstürzt und den darin etwa gerade
Durchwandernden verschüttete. [21]
Was nun tun? Weiter vorwärts oder wieder zurück? Ich wählte das erstere, in der Hoffnung, daß es
ja nicht gerade in der Zeit passiere, wo ich hindurch gehe. Der Mut wurde gefasst und in
schnellerem Tempo ging es unter dem nun förmlich regnenden Schnee hindurch, wobei ja ein
Regenschirm viel besser gewesen wäre, als mein Hakenstock. Nach glücklicher Durchwanderung
der Klamm und reichlicher Durchwässerung erreichte ich endlich den Höllentalanger und war
hocherfreut, da wieder bei herrlichem Sonnenschein meine durchnässte Kleidung bald wieder
trocken zu haben. Nach kurzer Ruhepause kam ich dann erst zur Bewunderung der herrlichen
bunten Wiedenfläche des Angers und der sich von hier bietenden eigenartigen Gebirgswelt. Wie von
einer Riesenmauer umgeben, erheben sich daraus die hochaufstrebenden Gipfel der Riffel- und
Höllentalspitze mit dem weißstrahlenden Gletscher des Höllentalferners, sowie der Wachsensteine
und schließlich die wieder zum Teil in Wolken gehüllte Zugspitze. Am westlichen Teile des
Höllentalangers, befindet sich über einer riesigen, glatten [22] Felsenwand, ein durch künstliche
Bearbeitung etwas erleichterter Aufstieg zunächst bis zum Höllentalferner, wo dann der
schwierigste Aufstieg zur Zugspitze erst erfolgt. Da ich natürlich keinesfalls die Absicht hatte, die
Höllentalklamm wieder zurückzudurchwandern, sondern den Weg über die Höllentalangerhütte
zurück wählte, reizte es mich aber doch, wenigstens den Anfangsaufstieg zum Höllentalfernen noch
kennen zu lernen. So durchwanderte ich zunächst weiter die mit herrlichen Feld- und
Wiesenblumen so reich geschmückte Angerwiese und ging dem erwarteten künstlich angelegten
Aufstieg an der südlichen Seite der großen Felsenmauer zu. Nach einem zunächst kürzeren Aufstieg
am Fuße der Riesenwand durch Felsbrocken und viel Geröll, kam ich an die, in der Ferne
eingeschlagene, künstliche Riesenleiter wo ich doch erst recht bedachte, ob ich sie besteigen soll.
Obwohl ich ja als begeisterter Turner schon dabei öfters die größten Leitern in unserem ATV in
Dresden, mit Freuden erkletterte, so war diese Leiter hier doch vielmals höher und schließlich auch
nur durch in den Felsen eingeschlagene, eiserne klammerartige Sprossen, künstlich erbaut.
[19.12.65] [23]
Die Leiter ging nun nicht etwa gerade aufwärts, sondern mußte voll und ganz dem jeweilig schräg
verlaufenden Felsen angepaßt worden sein, so daß die eingeschlagenen Sprossen einmal nach links
und dann nach rechts schwenken mußten, wie sie ebenso nicht in genau gleichen Abständen von
einander sein konnten. Die Eisensprossen waren natürlich reichlich so breit, daß beide Füße darauf
stehen konnten und standen auch soweit vom Felsen ab, daß der Fuß bis reichlich zur Hälfte der
Sohle eintreten konnte. Trotz all dieser, wohl verständlichen Mängel dieser Steiganlage wurde doch
der Mut gefasst und der Aufstieg ins Ungewisse begann. Infolge der genannten Verschiedenheiten
in dieser Steiganlage, zeigten sich natürlich schon hierdurch einige Schwierigkeiten und
Unsicherheiten beim Aufstieg, zumal auch die eisernen, klammerartigen Sprossen manchmal
ziemlich wackelig waren, obwohl sie gewiß tief genug in die Felswand eingesetzt sein mußten. 41>
Nach ab und zu notwendiger Rast auf dieser ungewöhnten und recht langen Leiter, mit Ab- und
Aufblick dabei, wurde das ersehnte Ende doch schließlich erreicht, [24] und der Ausstieg davon in
eine noch weiter schmale emporführende Weganlage konnte befriedigt erfolgen. Nun stand aber
schon wieder eine weitere Entscheidung bevor: wieder abzusteigen oder doch das Unternehmen
noch zu riskieren, das von hier aus nach Osten an dem schrägen steilen Felsen hinführende,
ebenfalls künstlich angelegte, sogenannte „Brettl“ zu überqueren. Diese Anlage führte nun auch
noch weiter etwas schräg aufwärts und war nur auf den in die Felswand in verschiedenen Abständen
eingeschlagenen, starken, kantigen Eisenstäben zu begehen, welche etwa 1/2 m von der Felswand
abstehen. In etwa 1 m darüber befindet sich noch ein ebenfalls mit Haltern in den Fels
eingearbeitetes starkes, rundes Eisenseil, welches zum Anhalten beim Über queren der steilen
Felswand, als Sicherung dient. Beim Anblick dieser gewiß nicht einfachen Anlage zur Überquerung
der hier mehrere hundert Meter gelegenen Felswand, kommt wohl gewiß jeder erst zu einer
reichlichen Überlegung, diesen Weg zu riskieren, da ebenso eine absolute Schwindelfreiheit dazu
gegeben sein muß. Auch mir überkam zunächst doch ein Gruseln und die Frage: Was tun? Als
aktiver Turner und Vorturner mußte man doch wenigstens versuchen, diesen ganz [25]
ungewöhnlichen Gang zu riskieren, obwohl ich mich außer Turnen und guten Wanderungen mit
dem Bergsteigen noch nie befaßt hatte. So hatte auch diese Sache hier, ja mit wirklichem
Bergsteigen auch garnichts zu tun und wird es auch manchem erfahrenen Bergsteiger gewiß
sonderlich erscheinen, eine derartige künstliche Anlage überhaupt angelegt zu haben, da es
schließlich doch für einen Ungeübten, große Gefahren bringen kann. [2.1.66]
Doch der Entschluß wurde gefaßt, die in die Felswand eingearbeiteten Stiegen betreten und
zugleich aber auch das darüber eingearbeitete starke Drahtseil erfasst. Hier war natürlich nun mein
Hakenstock nicht nur völlig überflüssig, sondern direkt ein Hindernis, so daß ich ihn in die innere
linke Brusttasche meiner Sportjacke einhakte., um beide Hände frei zu bekommen. Jetzt hieß es
aber jeden Schritt auf diesem völlig ungewöhnten Weg, zu dem immer etwas leicht aufwärts
führenden Ziele, mit den wechselnden, oft schräg aufwärts, teils aber auch abwärts neigenden, oft
wackligen Eisenbolzen genau zu beachten, um den Halt nicht zu verlieren. Jedenfalls mußte man
sich reichlich Zeit lassen, um die [26] immerhin lange Stiege gut überwinden zu können. Endlich
war auch das Ende erreicht und ich stand nun vor einer schluchtartigen Höhle, in welcher der Weg
noch steiler und sehr enge weiter führte. Und schon wieder kam die Frage: Was nun tun? Mein
Hakenstock wurde hier natürlich dabei zum größten Hindernis, so daß der weitere Aufstieg dadurch
schon immer schwieriger werden mußte. Die recht dunkle Schlucht erschwerte auch noch den
weiteren Aufstieg und reizte nur noch ein ein weiter vorn eindringender hellerer Schein die
Wanderung noch fortzusetzen, in der Hoffnung, dort doch wenigstens einen besonderen Anblick auf
die da gewiß hochaufstrebenden, mächtigen Felswände zu genießen, Jedoch wurde es in der
Schlucht leider immer enger und dadurch der weitere Aufstieg immer schwieriger um
durchzukommen , so daß ich mich doch entschloß, hier lieber Umkehr zu halten, da man bei diesen
Anforderungen schließlich schon Bergsteiger sein müßte.
Die Rückkehr auf dem verhältnismäßig nur kurzen Weg durch diese Schlucht, würde aber doch viel
schwieriger, als der vorherige Aufstieg, sodaß ich [27] eine wesentlich längere Zeit brauchte, um
wieder bis an den Ausgangspunkt „Das Brett“ zu kommen. Endlich war es aber doch wieder
erreicht, wobei ich förmlich aufatmete. Der Hakenstock konnte wieder in die innere Joppentasche
eingehängt werden. Durch die nun wieder etwas nach abwärts führenden Stiegen auf den starken
Eisenstiften und dem Anhalten an dem Drahtseil, wurde das Absteigen schon wieder schwieriger
und es mußte recht behutsam gegangen werden.
Etwa nur noch 10 m vom Ende des „Brettl“ mußte sich mein Hakenstock an einner, von sonst so
glatten Felsenwand hervortretenden Stelle eingehakt haben, wodurch er aus der Brusttasche
ausgehoben wurde und abfallen mußte. Beim Bemerken dieses, ließ ich sofort das Seil los und
ergriff in der Zeit des Bruchteils einer Sekunde gerade noch den Stock und erlangte auch das Seil
zum Anhalten glücklicherweise noch wieder. Wie gebannt stand ich dann minutenlang an dieser
Stelle mit dem Gedanken, wie ich jetzt zerschmettert unten in den Felsblöcken liegen müßte, wenn
ich das Seil nicht sofort wieder erreicht hätte. Beim nun restlichen [28] Weiterabstieg am „Brett“
nahm ich den Stock nur noch fest in die rechte Hand und schob ihn immer mit der Hand
festgedrückt, mit am Seil hin, so dass das Seil einen festen Abdruck desselben im Holz des Griffes
hinterließ, was mich dann ständig an diese unvergeßliche. So glücklich überstandene Situation
erinnerte. Am Ende des Brettes wieder angelangt, mußte ich zurückblicken an die Stelle, wo mein
Absturz in die Tiefe erfolgen konnte und ich da nur Gott danken mußte, dass er mich so gnädig vor
diesem furchtbaren Unheil bewahrt hat. [2.1.66] 42>
Der weitere Weg führte nun kurz noch etwas abwärts wieder zu der am Vormittag zum Aufstieg
benutzten sogenannten „Leiter“, jetzt zum ersehnten Abstieg zum Höllentalanger, was leider durch
die verschiedene schräge Anlage der künstlich eingearbeiteten Sprossen, beim Rückstieg viel
schwieriger wurde. Hierbei wurde der Hakenstock immer wieder zum großen Hindernis, da er doch
in der Hand mitgetragen werden mußte und der Abstieg besonders vorsichtig zu erfolgen hatte, um
einen Fehltritt zu vermeiden.
Schließlich war auch das Ende dieser Leiter wieder erreicht [29] und wenigstens fester Boden, trotz
aller hier umherliegenden riesigen Felsblöcke und Gerölls wieder unter den Füßen. Ernste und
traurige Blicke gingen nun an den steilen Schroffen hinauf, von wo aus mein Absturz erfolgen
konnte und dem guten Vater und den lieben 5 Schwestern, wohl nur eine unsagbar traurige
Botschaft in die liebe Heimat gebracht hätte. Vollbefriedigt aber über den noch so gutverlaufenen
Abstieg, wandte ich mich nun dem Höllentalanger wieder zu, um nun noch durch Überquerung
desselben nach der Nordseite zu die Höllentalangerhütte, als Einkehrstätte endlichen einmal nur
kurzen, wohl recht notwendigen Ruhepause zu erreichen. Der Weg bis dahin war schon eine erste
leichte Erholung, wieder in Ruhe durch die herrliche Wiesenpracht zu wandern und dazu auch
meinen Hakenstock zweckmäßig wieder verwenden zu können. Dies ganz einfache, echte
Gebirgslokal war auch bald erreicht und eine einfache, aber kräftige Stärkung konnte eingenommen
werden. Da mein Ziel noch reichlich weit, die Zeit aber schon recht knapp wurde, ging es [30] bald
wieder weiter und zunächst durch die anliegende große Viehweide der Gastwirtschaft, wo mir auch
bald mit etwas Schreck ein riesiger Bulle mit recht ernstem Blick und erhobenem Kopf
entgegentrat, was mich direkt ängstlich machte. Ich ging ruhig und vorsichtig einen Bogen um den
Stier und bald fraß er sein saftiges Wiesengrün auf der Alm auch in Ruhe weiter.
Da mein weiterer Rückweg ja keinesfalls wieder durch die lawinenüberladene Höllentalklamm
gehen konnte, wendete ich mich zunächst einem kleineren Seitenweg zu, der dann auf eine breitere
Straße nach Partenkirchen führte. Mit großer Beruhigung endlich wieder so weit zu sein, schritt ich
diesem schönen Ort wieder zu, um anschließend auch das herrliche Landschaftsbild mit den
Alpenketten bis nach Obergrainau wieder zu genießen. Mit voller Genugtuung über den so
erlebnisreichen und noch so außerordentlich glücklich verlaufenen letzten Ferientag, erreichte ich
das Hotel und begab mich, reichlich ermüdet, nach dem Abendbrot bald zur langerwarteten nötigen
Ruhe. [7.1.66]
Infolge der vielen unerwarteten und gewiß oft erregenden Vorkommnisse dieser Wanderung bis
zurück zum Hotel, glaubte ich [31] doch kaum die verdiente Ruhe zu finden, jedoch setzte sich
durch die so lange und zum Teil doch anstrengende Tour und durch die so herrliche Gebirgsluft, ein
recht erwünschter, langer und ungestörter Schlaf bis zum späten Vormittag erfreulicherweise doch
durch. Da ich ja nunmehr alle Urlaubspläne glücklich erfüllte hatte und mir für die, nun noch bis
zur Rückreise nach München verbleibenden zwei Tage, wirkliche Ruhetage gedacht waren, konnte
auch nichts mehr versäumt werden und so verbrachte ich den Sonntag und Montag bei dem weiter
anhaltenden herrlichen Wetter, nur noch im Hotelgarten in aller Ruhe, mit netter Unterhaltung lieber
Gäste oder nur durch kleinere Spaziergänge in der nächsten Umgebung. Und so vergingen auch
diese letzten Tage in wirklicher Erholung doch wieder schnell und schon mußte am Montag abend
das kleine Köfferchen wieder gepackt werden, da am Dienstag früh die Rückfahrt nach München
bevorstand und am Mittwoch die Arbeit im Betrieb wieder aufgenommen werden mußte. Damit war
meine zwar kurze, aber doch schöne Urlaubsreise, mit dem Genuß der herrlichen Alpenwelt im
Gebiet der Zugspitze, wenn auch mit den so glücklich überstandenen großen Gefahren, befriedigt
beendet. Die Rückfahrt von Garmisch-Partenkichen ging auch gut vorüber und mit dem Blick nach
dem wundervollen Gebirge und mit den darin erlebten verschiedensten Erinnerungen kehrte ich von
den Ferien zurück. [32]
Bei meiner Rückkehr in die Wohnung wurde ich von meinen Wirtsleuten herzlichst begrüßt und
auch gleich eingeladen, doch noch einige Zeit zu ihnen zu kommen, um etwas vom Ausgang meines
Urlaubs in den Alpen zu hören, was mir natürlich verständlich war. Da ich ja ohnehin fast nichts
mehr zum Abendbrot vorrätig hatte, nahm ich die Einladung doch recht gern an. Obwohl es mir
gewiß lieber gewesen wäre, den letzten Abend noch recht in Ruhe verbringen zu können, waren es
doch zum Ausklang des Urlaubs noch recht nette frohe Stunden bei den Wirtsleuten und waren sie
natürlich sehr interessiert, über meine Urlaubstouren zu hören, da ihnen gerade diese herrliche
Alpenwelt gut bekannt war.
Außerordentlich überrascht waren sie allerdings von meinem Bericht über mein Risiko nach der
ihnen doch noch unbekannt gewesenen „Leiter“ und dem „Brettl“ und waren sie direkt befriedigt
und glücklich gestimmt über den noch so guten Ausgang meiner so gewagten Begehung der so
gefährlichen Stellen. So verging auch dieser Abend doch noch in recht guter Stimmung und war ich
dann aber doch auch sehr befriedigt, mein Zimmer wieder zur Ruhe aufsuchen zu können. [15.2.61]
43>
Trotz meiner Befürchtungen, daß der erhoffte und wohl auch recht notwendige Schlaf, infolge der
langen und zum Teil recht anstrengenden Wandertour mit den [33] so erregenden Vorkommnissen,
wohl kaum den ersehnten Schlaf bringen könnte, so verfiel ich doch bald in einen recht guten und
langen Schlaf, aus dem ich erst zur höchsten Zeit erwachte, um ja pünktlich nach dem mir
gewährten Urlaub, wieder an meinem Arbeitsplatz erscheinen zu können. Meine ersten Schritte
nach dem Erwachen gingen natürlich gleich zum Fenster, um zu erspähen, ob die Zugspitze etwa zu
sehen sei. Diese hatte sich aber natürlich wie meistens, in einen dichten Nebeldunst verhüllt, so daß
überhaupt nur die Konturen der Berge der Voralpen auch nur ganz schwach zu erkennen waren.
Jedenfalls war das ein Zeichen, daß das so schöne Sommerwetter noch weiter anhalten werde, da es
sonst bei guter, klarer Sicht bis zu den Alpen und damit der Zugspitze, dann immer eine
Regenperiode sicher zu erwarten war. So wurde nun alles schnell bereit gestellt und nach dem
Kaffeetrinken die Fahrt vom Münchner Vorortbahnhof ach Leim, zum Arbeitsbeginn, etwa Mitte
Juli wieder angetreten. Bei meinem pünktlichen Erscheinen wurde ich bei meiner Meldung beim
Betriebsleiter Herrn See, gleich freundlichst begrüßt und nach kürzerer Rückfrage nach dem
Verleben des Urlaubs erklärte er mir, daß auch er nun in Kürze seinen 3 Wochen-Urlaub antreten
werde und [34 ] ich ihn da in verschiedenen besonderen Arbeiten vertreten werden müsse. Mit
meinen nächsten Kollegen hatte ich zunächst nur eine kurze freundliche Begrüßung und wurde eine
weitere Aussprache über meinen Urlaubsverlauf auf unserem übliches Beisammensein beim
Mittagessen erfolgen. Inzwischen erschien auch Herr Berdux selbst wieder an meiner Arbeitsstelle
und begrüßte mich freundlichst mit der Erwartung, daß es mir im Urlaub, trotz der nur kurzen Zeit
doch gut gefallen und mich auch etwas erholt habe. Nach kürzeren Besprechungen erklärte auch er
mir, daß Herr See nun auch bald auf Urlaub gehen würde und ich ihn da mit vertreten würde. So
waren denn die wenigen Stunden des Vormittags schnell vorüber und das erste Beisammensein mit
den Kollegen beim Mittagessen stand bevor. Natürlich waren dabei gleich die verschiedensten
Fragen nach dem Verleben meines Urlaubs zu beantworten und so erzählte ich ihnen auch hier mein
besonderes Erlebnis auf der „Leiter“ und auf dem „Brettl“, zum Aufstieg für nur wirkliche
Bergsteiger zum schließlichen Endziel der „Zugspitze“. Meine Erklärungen wurden nun mit viel
Interesse, aber auch mit Schaudern aufgenommen, doch fand Freund und Kollege Eduard
Autenrieth doch auch hier Zeit, immer seine „Glossen“ dazwischen einzuschieben, was die
Kollegen wohl [35] auch zum lächeln brachte, wenn es mir dabei doch immer wieder nur zu sehr in
den Fingern der rechten Hand, in der ich dabei den Hakenstock gehalten hatte, kribbelte, was ich
denn auch noch viele Jahre lang beim Erinnern an diese furchtbaren Sekunden behalten habe.
So verging nun die reichliche Arbeit mit Fertigmachen und Intonieren der Klaviere und Flügel flott
weiter, da auch Herr See bald seinen Urlaub angetreten hatte und danach auch noch verschiedene
Stimmungen u. Intonationen bei besonderen Kunden in Privat für mich hinzu kamen. Da nun meine
geplante Zeit für mein Weiterlernen im Berufe auch bei der Firma V. Berdux in München bald um
war und ich auch keine Erweiterung meiner Fachkenntnisse bei Berdux noch zu erwarten hatte, kam
auch bald der Gedanke wieder durch: „Was soll nun beruflich weiter werden?“ Bei einem
Stimmkunden der Firma Berdux lernte ich einen kleinen Flügel der Firma C. Mand, Koblenz,
kennen, der mich ganz besonders interessierte,da er eine, mir noch völlig unbekannte Form hatte,
wo die sonst immer abgeschweifte rechte Seitenform ganz wegfiel, also der Flügel nach hinten eine
beiderseits gleichmäßige Rundung zeigte und er trotz seiner Kürze doch einen besonderen vollen
und ansprechenden Ton ergab. Hier war nun wohl zweifellos der Versuch unternommen worden,
den [36] zu der vorher geschweiften Stelle liegenden Resonanzboden durch Veränderung der
Steganlage und Berippung, tonlich besser ausnutzen zu können.
Was lag mir nun wohl näher, als bei Firma C. Mand, Flügel- und Pianofortefabrik in Koblenz a.
Rhein,einen Versuch um Einstellung in den Betrieb zu machen, um auch noch dieses Geheimnis für
mich, im Flügelbau, kennen zu lernen. Der Versuch wurde auch bald gemacht und in den nächsten
Tagen ging bereits ein Brief an Firma C. Mand nach Koblenz am Rhein ab; mit dem Ersuchen um
meine freundliche Einstellung als Piano- und Flügelzusammensetzer, Ausarbeiter, Fertigstimmer
und Intoneur, mit den Angaben meiner jetzigen Stellung bei Firma V. Berdux in München. Es
kamen nun natürlich erwartungsvolle Tage auf die Antwort von Firma C. Mand. Doch bald kam
auch dei mich recht erfreuende Zusage zur Erfüllung meiner Wünsche zur Einstellung im dortigen
Betrieb. Die notwendigen Vorbereitungen dazu wurden nun,, zunächst noch heimlich, schon
getroffen, als nach wenigen Tagen ganz unerwartet ein weiterer Brief von Mand eintraf, was mich
natürlich sehr verwunderte. Hierin wurde mir nun erklärt, daß die gesamte Belegschaft in den
Streik getreten sei und ich gewarnt wurde, die Anreise nach Koblenz zu übernehmen, da ein Eintritt
in die Firma C. Mand, zur Zeit ausgeschlossen sei. Natürlich eine schwere Entscheidung [37] für
mich, doch es mußte ertragen werden und die Suche nach einem anderen, mir beruflich nützlichen
Betrieb, ging wieder weiter. [6.3.66]
44> Es war natürlich klar, daß für mich jetzt nur noch Firmen in Frage kommen konnten, deren
Pianos und Flügel nur noch besser und berühmter in Qualität und Ton waren, als die von mir
beruflich bisher schon geschätzten Fabrikate. So reizten mich natürlich die Weltfirmen wie:
Blüthner, Bechstein, Steinway & Sons und ev. Bösendorfer in Wien. Wie mir bekannt war hatte die
Firma C. Bechstein in London, eine bedeutende Zweigstelle insbesondere für Verkauf und
Reparaturen, sowie mit einem eigenen, großen Konzertsaal, was mich ganz besonders reizen und
anziehen mußte und schließlich auch, um meine spärlich gelernte englische Sprache, dort wohl
noch weiter an geeigneter Stelle, voranbringen zu können. Da mir ferner auch bekannt war, daß
meine frühere Firma Paul Werner, Dresden, auch in London in einem großen Magazin mit vertreten
war und auch in England recht geschätzt wurde, konnte auch dies ja nur ein weiterer
Anziehungspunkt für mich sein, auch diesen Betrieb persönlich kennen zu lernen. So mußte denn
auch aus diesen verschiedenen [38] Anlässen der Versuch unternommen werden, bei Firma C.
Bechstein, in London, ev. als Reparateur, Fertigstimmer und Intoneur, mit Angaben meiner
bisherigen Tätigkeiten aufgenommen zu werden, wobei mir auch dadurch gewiß manche
Möglichkeiten geboten werden könnten, doch auch dabei vieles fachlich wichtige kennen zu lernen.
Der Entschluß wurde nun kurz gefasst und schon ging Anfang August 1906 ein Brief an Firma C.
Bechstein, nach London ab, mit der Bitte um Einstellung in obengenannter Fachabteilung. Es
kamen natürlich wieder erwartungsvolle Tage, wobei nun diesmal natürlich noch etwas mehr
Geduld nötig war, da ein Brief von München nach England und eine Antwort darauf zurück, wohl
einige Zeit benötigte. Inzwischen wurden nun schon wieder die Pläne geschmiedet, wie bei einer
erhofften Zusage zu meiner Bitte, wohl die Anreise nach London vor sich gehen könnte. Wohl gab
es verschiedene Möglichkeiten und doch schwebte mir schon wieder das Verlangen und der Wunsch
vor, dabei möglichst den mich so bezaubernden Rhein noch weiter kennen zu lernen und bewundern
zu können.
Jeden Abend wurde nun schon gespäht, ob wohl ein Brief aus London eingegangen sei, doch
immerwieder vergebens, [39] bis doch eines Tages ein Brief von der Firma: C. Bechstein, London
wirklich dalag. Mit zunächst zögernder Miene wurde der Brief doch mit Hoffnung geöffnet und zu
meiner größten Freude mein Wunsch erfüllt, daß ich ab 1. September 1906 bei Firma C. Bechstein
in London als Reparateur und Stimmer eintreten könne. Hocherfreut und doch wieder beunruhigend
wurde es nun wieder für mich, wie ich diesen Schritt meinem verehrten Chef, Herrn V. Berdux
beibringe, der ohne Zweifel sehr enttäuscht darüber sein werde. An einem der nächsten Tage kam
nun Herr Berdux mit recht freundlicher Miene in den Betrieb und fand auch für mich einige
beruflich lobende Worte für meine Arbeiten. Zunächst wohl noch etwas zögernd, benutzte ich aber
doch diese Gelegenheit ihm meinen Entschluß mitzuteilen, worüber er zunächst natürlich geradezu
erstaunt und verwundert war, daß ich mich von München nach London verändern wolle, doch
schien ihm mein Entschluß zu einer solchen Weltfirma zu gehen, doch verständlich zu sein, da ich
ja auch dort gewiß gut weiter beruflich lernen könne. Ich war natürlich erfreut nun auch diesen
Punkt danit zunächst befriedigend geklärt zu haben und auch Herr See fand für meinen Entschluß
volles Verständnis, zumal er seine Ferien gerade beendet hatte. [40]
Auch mit meinen lieben Wirtsleuten war es schon seit meines, damals wegen Streik im Betrieb in
Koblenz gescheiterten Wegzuges kein Geheimnis mehr, daß ich sie doch bald wieder verlassen
müsse, um beruflich weiter zu kommen, so daß auch da der Fall bei allem Erstaunen über meinen
Entschluß nach England zu reisen, doch voll geklärt war.
Nun kam natürlich der Gedanke an die Reihe, wie die Reise von München nach London wohl vor
sich gehen soll. Da die Zeit für diese schon längere Reise doch schon recht knapp war, um Anfang
September meine Stellung bei Firma C. Bechstein in London antreten zu können, gab ich meine
Absicht, den schönen Rhein in seiner ganzen Länge, möglichst schon vom Rheinfall bei
Schaffhausen aus kennen zu lernen, doch auf, in der Hoffnung, dies in meinen jungen Jahren von
erst 26 Lenzen doch noch einmal später nachholen zu können. So wurde nun der Entschluß gefasst,
die Reise doch so kurz wie möglich einzurichten, zumal ich noch zwei, wenn auch gewiß nur kurze
Besuche auf der Reise vorzunehmen gedachte, um dann nicht etwa unnötig spät zum Antritt in
London anzutreten. [41]
So wurde geplant von München wieder über Augsburg und Stuttgart; dann über Ludwigshafen nach
Mainz zu fahren, wo ich mir an den nötigen Städten entsprechend der Reisezeit Quartiere suchen
müßte und dann die Reise nach Koblenz weiter gehen würde, wo ich bei guten alten Bekannten
gewiß die Gelegenheit finden würde, dort gern übernachten und auch das so schöne Koblenz an der
Moselmündung und seiner Umgebung, kennen zu lernen. 45>
Und sokam nach dieser Planung auch der Tag der Abreise von München nach London, nach
vorheriger herzlicher Verbschiedung vom Chef Herrn V. Berdux, sowie vom Betriebsleiter Herrn
Carl See und allen lieben Kollegen bald heran und am 25. August 1906 ging die Fahrt mit dem für
mich recht befriedigenden folgenden Zeugnis ab: Herr Otto Funke aus Dresden war vom 1.
November 1904 bis zum heutigen Tage als Fertigstimmer, Intoneur und Regulierer in meiner Fabrik
beschäftigt und war ich mit seinen Leistungen sehr zufrieden. Sein Austritt erfolgt auf eigenen
Wunsch und begleiten ihn meine besten Wünsche für sein ferneres Fortkommen.
München-42 den 25. August 1906.
(gez.) V. Berdux, Kgl. Bayrischer Hof-Pianoforte Fabrik München Laim, Landsbergerstr. 33b.
Magazin Bayerstr. 25. [42]
Als alter treuer Freund und Kollege war dann natürlich Eduard Autenrieth noch prompt am Bahnhof
zu herzlicher Verabschiedung erschienen und so ging die Reise mit den üblichen
Abschiedswünschen mit neuen Hoffnungen wieder in ein Neuland ab! Wenn auch die herrlichen
Gegenden der zu durchfahrenden Landschaften mir durch meine vorherigen Reisen schon bekannt
waren, so boten sie jetzt infolge der bereits eingetretenen Herbstverfärbungen, doch wieder ein ganz
anderes reizendes Bild. Die Berghöhen und die Täler mit den verschiedensten Baumbeständen,
wetteiferten geradezu mit ihrer Farbenpracht, so daß die wohl längere Fahrt über Augsburg und
Stuttgart zunächst bis Ludwigshafen, doch immerhin wieder recht schnell verging und ich in
Ludwigshafen nun mein erstes Quartier in einem netten kleinen Hotel, für nur eine Nacht beziehen
konnte. Die größte Freude bereitete es mir nun vorallem, daß ich hier den so erwünschten Rhein
wieder sehen konnte, da er direkt durch Ludwigshafen fließt, wo die bedeutende Stadt mehr an der
linken Seite liegt. Rechts am Rhein liegt dann die Stadt Mannheim, wo der Neckar in den Rhein
mündet und dies ein interessantes Bild bietet.
Nach kurzer Besichtigung von Ludwigshafen ging sodann [43] die Reise weiter, wo nun der Rhein
mit seiner herrlichen Umgebung die schönsten Eindrücke und bleibenden Erinnerungen hinterließ.
So kamen die Städte, Worms, Mainz und damit weiter die bekannten Orte Bacharach, Kaub, St.
Goarshausen, der Blick zur Loreley, Oberlahnstein und schließlich war die wichtige Stadt Koblenz
auch erreicht, wo die so reizvolle bekannte Mosel einmündet und natürlich sogleich den Gedanken
und verständlichen Wunsch aufkommen ließ, doch auch diese bekannten reizvollen
Mosellandschaften sehen zu können. Doch das Verlangen mußte natürlich aufgegeben werden, in
der Hoffnung, daß dieser Wunsch dann doch einmal Erfüllung findet.
In Koblenz war nun meine weitere Übernachtung vorgesehen und zwar mit der stillen Hoffnung bei
guten Bekannten aus Dresden, der in Koblenz verheirateten Tochter meines einstigen Lehrmeisters
bei der Firma Paul Werner, Pianofortefabrik in Dresden, bei Familie Oskar Beck zwar völlig
überraschend und unangemeldet, Quartier zu finden. Ich wurde natürlich höchst verwundert begrüßt
und mir doch herzlich gern für die bevorstehende Nacht Quartier gewährt, Herr B. war ein sehr
umsichtiger und fremdsprachlich gewandter Kaufmann, der die bedeutende [44] Sektfirma in
Koblenz in den verschiedensten Ländern zu vertreten hatte. Nach einem recht erfreulichen Abend
wurde ich am nächsten Tag noch mit der schönen Stadt Koblenz und seiner schönen, interessanten
Umgebung und dem reizvollen Einfluß der Mosel in den Rhein bekannt gemacht, wo ich dann aber
doch leider bald an die Weiterreise denken und mit herzlichen Wünschen für mein geplantes Ziel
„London“ weiterreisen mußte. Die Fahrt ging nun mit oft noch schönen Ausblicken weiter, über
Bonn, wo dann die Anhöhen beendet sind und der Rhein in ein Flachland eintritt; über Köln,
Düsseldorf und schließlich zu meinem zunächst weiteren Ziele: Utrecht (Holland). Hier hoffte ich
noch bei meinem lieben Bekannten, dem ehemaligen Volontär bei Fa. Berdux, Wagenaar, nur für
eine Nacht noch Unterkunft zu finden, und wurde mir der Wunsch von den sehr christlich
gesonnenen Leuten, herzlich gern erfüllt. Und so ging recht befriedigt die Reise am nächsten
morgen über „Den Haag“ und „Dover“ nach meinem Endziel „London“ weiter, wo ich am 1.
September 1906 bei Firma C. Bechstein, meinen Dienst antreten konnte. [3. Sept. 1966]“
Transskription: Jan Großbach, 2026
Der handschriftliche Text wurde nach Möglichkeit buchstabengetreu wiedergegeben, nur
offensichtlich unbeabsichtigte Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die originale Paginierung
sowie die mit Bleistift notierten Datumsangaben, die wohl den Verlauf der Niederschrift anzeigen,
stehen in eckigen Klammern.
