Beckmann, Wilhelm und Heinrich
Pianohandlung und -fabrik in Kassel, 1806 – 1931
Die Firma Wilhelm Beckmann, Pianofabrik und Handlung in Kassel feierte am 23. Oktober 1906 das Fest ihres 100-jährigen Bestehens; „sie zählt somit nicht nur zu den ältesten Klavierfirmen Hessens, sondern auch ganz Deutschlands“.
Ja, – aber es war doch Heinrich Beckmann der die Firma gründete, der, „nachdem er nach damaliger Sitte seine Wanderjahre als Instrumentenmacher in Rußland zugebracht hatte, ausgerüstet mit den nötigen Erfahrungen, im Hause Bremerstraße 12 mit dem Bau der zu jener Zeit gerade in Aufnahme gekommenen Tafelklaviere. …
Heinrich Beckmann hatte drei Söhne, wovon zwei in die Fußstapfen des Vaters traten und sich den Klavierbau zum Beruf erwählten, in dem sie sich um so vollkommener ausbildeten, weil sie – denn damals gab es noch keine Bestandteilefabriken – gezwungen waren, sämtliche Bestandteile vom Stimmwirbel bis zum Pedaltritt, sowie die Mechaniken und Hämmer mit eigener Hand anzufertigen. Um das Jahr 1840 begannen sie auch die nun in Mode kommenden kleinen aufrechten Instrumente, sogen. Pianinos, zu bauen, anfänglich nur mit eisernen Anhängeplatten, dann mit vollem Eisenrahmen, wovon etwa 400 Stück gebaut wurden. Später wurden die Instrumente immer weiter vervollkommnet und schließlich der kreuzsaitige Eisenbau eingeführt. Einträchtig führten die beiden Brüder das Geschäft gemeinschaftlich, bis im Jahre 1890 der ältere Bruder Wilhelm im Alter von 78 Jahren starb. …
Von da ab übernahm sein Neffe, Herr Hans Nolda, welcher von frühester Jugend an im Hause gelebt und sich nach seiner Schulzeit dem Klavierbau mit Lust und Liebe gewidmet hatte, das Geschäft, nachdem er sich in Berlin, Leipzig und Stuttgart zum tüchtigen Fachmann herangebildet hatte. Er baute schöne Pianinos eigenen Modells mit patentierter Schraubenstimmvorrichtung, die sich durch äußerst feste Stimmhaltung und Wohlklang auszeichneten und guten Absatz fanden. Hans Nolda, dem Mutter Natur einen heiteren Sinn, ein echt deutsches Gemüt und eine goldene Stimme in die Wiege gelegt hatte, erfreute sich infolge dieser schönen Gaben größter Beliebtheit in allen Kreisen. Allzu früh leider verstummte sein liederreicher Mund – ein schleichendes Magenleiden entriß im März 1905 den sanges- und schaffensfreudigen Mann im besten Alter seiner Tätigkeit. …
Nachdem die Witwe Noldas das Geschäft für den Rest des Jahres weitergeführt hatte, ging die Firma Beckmann zu Anfang des Jahres 1906 durch Kauf an Herrn Julius Cadenbach aus Coblenz über. Herr Cadenbach, eine in Fachkreisen wohlbekannte Persönlichkeit und fast 20 Jahre in der Klavierbranche tätig – er war lange Jahre Direktor einer der ersten deutschen Pianofabriken – ist Inhaber mehrerer Patente, Erfinder des Resonanzbodens mit Schalltrichter Klangfigur und verfügt über reiche Erfahrungen sowohl auf technischem wie kommerziellem Gebiete. Er nahm die Traditionen der alten Firma, die in den letzten Jahren ihr Hauptgewicht mehr auf den Handel gelegt hatte, wieder auf und erweckte die ursprüngliche Spezialität, die Klavierfabrikation, zu neuem Leben. Seiner rührigen Tatkraft ist es innerhalb 8 Monaten gelungen, den Betrieb beträchtlich zu vergrößern, den Kundenkreis weit über die Grenzen der Stadt und der Provinz auszudehnen und aussichtsvolle Verbindungen im Auslande anzuknüpfen. Im Schaufenster des zur Jubelfeier entsprechend geschmückten Geschäftshauses waren ein kleines im Jahre 1840 gebautes schrägseitiges Pianino, eine vergoldete Piano-Panzerplatte neuester Konstruktion und das mit allen technischen Verbesserungen moderner Pianofortebaukunst ausgestattete Jubiläums-Pianino ausgestellt. Zwischen diesen beiden Instrumenten liegt, auch für den Laien erkennbar, ein gutes Stück der Entwicklungsgeschichte des Klavierbaues“.
In den Weltadressbüchern der Musikinstrumenten-Industrie ist Firma Beckmann, außer in der Zeit um 1840/60 nur in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als Pianofabrik bezeichnet.
1911 erfolgte durch die Vergrößerung des Betriebes die Verlegung nach Jägerstraße 7
Die Firma wurde 1921 in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt.
„Am 29. Oktober 1921 verstarb in Cassel im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalles eine in weitesten Kreisen, besonders des Rheinlandes, bekannte Persönlichkeit, der Pianofortefabrikant Herr Julius Cadenbach, Mitinhaber der 1806 gegründeten Pianofabrik und -Handlung von Wilhelm Beckmann in Cassel. Julius Cadenbach war ca. 20 Jahre lang, bis 1905, zuletzt als kaufmännischer Direktor, bei der Firma Pianofortefabrik Carl Mand zu Koblenz a. Rh., jetzt Rheinische Pianofortefabriken A.-G. vorm C. Mand, tätig, und seine erfolgreiche Tätigkeit bei dieser Firma brachte ihn mit vielen bedeutenden Fachgenossen zusammen. Nach seinem Austritt aus der Firma Mand übernahm er die alte Casseler Firma Wilhelm Beckmann, in die er durch unermüdliche Arbeit, gestützt auf reiche Fachkenntnisse, neues Leben brachte. Er konstruierte einen durch D. R. G. M. geschützten Klangverstärkungs-Schallbecher- Resonanzboden, über den seinerzeit in unsrer Fachzeitschrift berichtet wurde und der auch in vielen Instrumenten mit Erfolg verwendet worden ist. Bis in die letzten Jahre beschäftigte ihn dieses Problem, bis sein Leiden seine Schaffensfreude beeinträchtigte. Nach dem Kriege, als sein Sohn Paul Julius Cadenbach, aus dem Felde zurückgekehrt war und die Leitung der Firma übernahm, setzte er sich zur Ruhe. Leider war es ihm nicht vergönnt, einen schönen und gesunden Lebensabend zu genießen. Die Nachwirkung des Krieges und eine schnell fortschreitende Arterienverkalkung setzten seinem Leben ein allzu frühes Ende. Herr Paul Julius Cadenbach, sein ältester Sohn, ist nunmehr Alleininhaber der Firma Wilhelm Beckmann und wird das Geschäft in unveränderter Weise fortführen“.
Paul Cadenbach verlegte die Firma 1925 nach Friedrichsplatz 12. (H. Henkel)
„Die weit über die Grenzen des Hessenlandes hinaus bekannte und bestens eingeführte Klavierfirma Wilhelm Beckmann in Kassel … begeht am 6. Oktober 1931 das seltene Geschäftsjubiläum ihres 125-jährigen Bestehens.
Herr Paul Julius Cadenbach, der jetzige Inhaber trat bereits 1910 als Lehrling in die Firma ein und übernahm diese nach gründlicher Fachausbildung auch in befreundeten Pianofabriken im Jahre 1921 nach dem Tode seines Vaters.
Viele Tausende von Klavieren, Flügeln und Harmoniums, die im Laufe der Jahrzehnte geliefert wurden, beweisen, daß die soliden Grundsätze der Vorgänger nicht vergessen wurden, und wir wünschen der alten Firma, die heute die führenden Klaviermarken wie Grotrian-Steinweg, Ibach, Gebr. Zimmermann usw. vertritt und als Pianofortemagazin mit angegliederter Reparaturwerkstatt geführt wird, für die nächsten 25 Jahre trotz der schwere der Zeit alles Gute. Eine Jubiläums-Sonderausstellung zeigt eine Anzahl ausgewählter Markeninstrumente der neuesten und schönsten Modelle“.
Quellen:
Zeitschrift für Instrumentenbau
Vielen Dank, Herrn Heiko Emde für die Bereitstellung der Bilder





