Grunert, Alfred Hermann

Pianofabrik in Johanngeorgenstadt, 1897 – 1926

Johanngeorgenstadt – der Name geht auf den Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen zurück. Die Stadt im Erzgebirgskreis liegt etwa 780 m ü. NN hoch. Zur Höhe der Stadt gehört die weltweit höchste Weihnachtspyramide mit fast 26 m Höhe. Vor über 100 Jahren nahm sich dagegen ein Musikinstrument aus Johanngeorgenstadt klein und bescheiden aus: Das Miniaturklavier ,,Clavichord“ von A. H. Grunert.

Zunächst fabrizierte 1897 Alfred Hermann Grunert in Dresden Musikinstrumente, speziell „ Accordzithern“. In Johanngeorgenstadt bauten währenddessen fleißige Arbeiter ein im Umbau befindliches Fabrikgebäude.

1900 folgte die Eintragung im Handelsregister: Hauptniederlassung ist Johanngeorgenstadt, während Herr Grunert in Leipzig wohnt, ab 1902 sind alle Briefe und Sendungen „nur noch nach Johanngeorgenstadt zu richten“.

„Clavichord – so hat Herr A. H. Grunert in Johanngeorgenstadt (1906) ein neuartiges Miniaturklavier getauft, das für gewisse Zwecke im Musikleben sehr viel Anklang finden dürfte. Man denke sich die Form des Clavichords ähnlich wie einen kleinen Schreibtisch; das Instrument, das schwarz poliert und vorne mit Goldverzierung versehen ist, ruht auf drei gedrehten Beinen, von denen das rechte zur Betätigung der Dämpfung ein Pedal trägt. Das „Clavichord“ hat eine normale Klaviatur von 4 Oktaven Umfang (C bis c). Die Tonerzeugung geschieht mit Hilfe einer Art von Pianino-Mechanik, deren Repetition vollständig ausreicht. Der Ton dieses Klavierchens ist in Anbetracht seiner nur geringen Größe voll und weittragend, dabei von lieblicher Klangfarbe, singend und voll Poesie. Für Gesangsbegleitung kann man sich gar nichts Geeigneteres denken, denn der Ton unterstützt die Stimme, ohne sie zu verdecken. Auch als Kinderklavier für den Anfangsunterricht wird dies neue musikalische Hilfsmittel gute Dienste leisten, genügt es doch vollständig, um auszuprobieren, ob musikalische Veranlagung vorhanden ist. Herr Grunert ist gerade dabei, ein etwas größeres Instrument in Flügelform und mit 5 Oktaven Umfang, im übrigen ganz nach demselben, ihm geschützten Prinzip zu bauen. … Interessenten, denen daran liegt, etwas Originelles und dabei doch Praktisches und Billiges für das Weihnachtsgeschäft auf Lager zu haben, seien auf diese sehr geeignete Anschaffung aufmerksam gemacht“.

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„Das Miniaturklavier Clavichord … ist jetzt in seiner Konstruktion wesentlich verbessert worden. Herr Grunert liefert das „Clavichord“ jetzt mit Eisenrahmen, wodurch die Stimmhaltung so vorzüglich geworden ist, daß sie sich mit der jeden guten Klaviers messen kann. Auch der Ton ist noch wesentlich besser geworden. Der Anschlag, bei überaus geringem Tastentiefgange, ist sehr leicht und für jede Kinderhand geeignet“.

„Am 1. Mai 1907 beging die Firma A. H. Grunert, Musikinstrumenten-Fabrik in Johanngeorgenstadt i. Sachsen, die Feier des 10jährigen Bestehens. Am Morgen des Festtages wurde dem Inhaber Herrn Grunert von der Stadtkapelle ein Ständchen gebracht, während ihm im blumengeschmückten Privatkontor das kaufmännische Personal seine Glückwünsche darbrachte und dann eine Deputation der Arbeiterschaft ein künstlerisch ausgeführtes Diplom überreichte“.

„Der Musikinstrumenten-Fabrikant Herr Alfred Grunert in Johanngeorgenstadt erhielt im gleichen Jahr vom König von Sachsen die Genehmigung, den ihm vom Schah von Persien verliehenen Löwen- und Sonnenorden anzunehmen und zu tragen“.

„Der König von Sachsen hat genehmigt, daß der Fabrikbesitzer Herr Alfred Hermann Grunert … den ihm vom Kaiser von Österreich verliehenen Titel eines ,Kaiserl. und Königl. Hoflieferanten, sowie den ihm vom König von Rumänien verliehenen Titel eines Königl. Rumänischen Hoflieferanten annehme und führe“.

„Ein prächtig und künstlerisch ausgestattes Druckwerk ist der neue Katalog der Pianofabrik…. Er ist in Form eines Albums (in Großquart-Format) gehalten, das von einem schiefergrauen Büttenkarton mittels silbergrauer, in Schleifenform geknoteter Seidenschnur umschlossen ist. Die Vorderseite des Umschlags schmückt eine hochmoderne farbige Vignette in Braun, Gold und Grün mit dem Firmentexte und den Hoflieferanten-Wappen. Auf 36 Seiten treten uns in mustergültigen, großen Autotypien, die auf dem vorzüglichen Kunstdruckpapier zu schönster Geltung kommen, 12 Pianino-Modelle in geschmackvollen, vorwiegend modernen Entwürfen, sowie zwei Innenansichten entgegen. Der begleitende Text ist in deutsch-englisch-französisch-italienisch-spanischer Sprache abgefaßt. Die Textseiten sind von einer hübsch entworfenen, in zartem Tone gedruckten Vignette eingefaßt“.

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In Schneeberg wurde 1909 eine Niederlage der Hofpianofabrik eröffnet.

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Ehrenämter blieben nicht aus, 1910 wählt das Stadtparlament Herrn Grunert zum Stadtrat, die Handelskammer in Plauen wählte ihn ein Jahr später als „ordentliches Mitglied“.

Im Handelsregister zu Chemnitz ist 1911 die Firma „A. H. Grunert, Filiale“ in Chemnitz, Zweigniederlassung des zu Johanngeorgenstadt unter der Firma A. H. Grunert bestehenden Hauptgeschäfts eingetragen worden: Inhaber ist der Kaufmann Alfred Hermann Grunert in Johanngeorgenstadt. Angegebener Geschäftszweig ist der Verkauf der in der Fabrik der Hauptniederlassung hergestellten Pianos und Flügel.

Auch in Hof wurde 1911 in Klaviermagazin der Pianofabrik Grunert errichtet.

„Am 1. April 1911 bezog die Firma A. H. Grunert, K. u. K. Hof-Pianofortefabrik, ihre neue Fabrikanlage. Das stattliche, fünf Stockwerke hohe Gebäude ist ganz in heimischer Bauweise ausgeführt, zeigt somit schon äußerlich ein wohnliches Heim und gereicht dadurch der Stadt als Bauwerk zu ganz besonderer Zierde. Die Einrichtung des mit hoben Kosten ausgeführten Fabrikgebäudes entspricht völlig den modernen Anforderungen. Es präsentiert sich in schmuckem Rohbau und ist durchweg massiv, die Decken sind sämtlich in Eisenbeton ausgeführt, die Fußböden sind Steinholzfußböden. Sämtliche Räume werden durch Niederdruckdampfheizung erwärmt. 300 elektrische Flammen erleuchten das Gebäude. Beginnen wir mit einem Rundgange durch die Fabrik, so betreten wir zunächst den Packraum. Von hier führt ein elektrisch getriebener Fahrstuhl durch alle fünf Etagen. Neben dem Packraum befindet sich ein großer Saal für die Saitenspinner und Bezieher. Wir wandern weiter und gelangen in einen geräumigen Saal für Materialausgabe. Im 2. Stockwerk bewundern wir einen prächtigen Ausstellungs- und Konzertsaal, neben welchem sich 2 Zimmer für die Klaviertechniker und ein großer Raum für die Zusammensetzer befinden. Ein weiterer großer Raum ist für die Polierer, Putzer und Bildhauer bestimmt. In 2 stattlichen Zimmern werden die Instrumente intoniert. Ganz oben sind die Lagerböden für Fourniere und andere Hölzer. Alle Abfälle der Holzbearbeitung werden durch eine Exhaustor-Vorrichtung aus den Etagen sofort in den Feuerraum geführt. In allen Stockwerken befinden sich geräumige An- und Auskleidezimmer mit Waschgelegenheit. Die Feuerlöschvorrichtungen entsprechen allen neuzeitlichen Forderungen, zumal eigene Wasserleitung alle Etagen hinreichend mit Wasser versorgt. Vornehm und praktisch eingerichtet sind das Privatkontor des Herrn A. H. Grunert und das daneben liegende Kontor für die Beamten des Etablissements. Erwähnt sei noch, daß der Betrieb in der alten Fabrik, in welcher sich die Sägewerke, die Kraftmaschine für das elektrische Licht usw. befinden, ungestört weitergeht. Das neue Gebäude hat eine Front von 46 m und gewährt 200 Arbeitern Raum“.

„In der Ausstellung für Haus und Herd in Chemnitz wurde 1911 dem Hofpianofabrikanten A. H. Grünert in Johanngeorgenstadt die goldene Medaille als die höchst zu verleihende Anerkennung zuteil“.

„Einen eigenartig ausgestatteten prächtigen Katalog hat 1912 die Firma A. H. Grunert, Hof-Pianofortefabrik in Johanngeorgenstadt (Sachsen), herausgegeben. Das in handlichem Queroktav-Format gehaltene Heft wird von einem chamoisfarbigen Karton (Leinenimitation) umschlossen, dessen Vorderseite in erhabener Prägung die Hoflieferantenwappen des Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, sowie des Königs von Rumänien, und in Gold den Namen der Firma trägt. Künstlerisch-vornehm und originell ist die ganze innere Ausstattung des auf bestem, starkem Kunstdruckpapier hergestellten Katalogs. Auf dem Vorsatzblatt finden wir in Form einer reizenden Vignette in Schwarz und Gold mit zartgrauem Tongrund den Text „Grunert-Pianos“ und „Grunert-Flügel“, während die Rückseite eine Ansicht der ausgedehnten Fabrikanlage und des eigenen Sägewerkes wiedergibt. Wie die Vignette des Vorsatzblattes ist auch der Text der Titelseite in Schwarz und Gold auf mattgrauem Tongrunde abgesetzt. Ganz eigenartig sind die Illustrationen ausgeführt, die uns 21 Pianino-Modelle in schönen modernen Entwürfen, ein Grunert-Kunstspiel-Piano in geöffnetem und geschlossenem Zustande, sowie einen Stutzflügel nebst Innenansicht vorführen. Die in bräunlich-violettem Farbentone mit hellen Lichtreflexen gehaltenen Autotypien heben sich von dem tiefschwarzen Druck des Hintergrundes äußerst wirkungsvoll ab und verleihen dem Ganzen einen aparten Reiz, der durch den darunter stehenden Text in Gold (Firma und Modell – Nummer) nur noch gehoben wird. Der erläuternde Text auf den gegenüberliegenden Seiten ist fünfsprachig abgefaßt (deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch) und schwarz gedruckt, während durchlaufende goldene Zierlinien die einzelnen Sprachen voneinander trennen“.

„Die Firma A. H. Grunert. K. u. K. Hof-Pianofortefabrik in Johanngeorgenstadt (Sachsen), ist 1913 in ernste Zahlungsschwierigkeiten geraten. … Herr Grunert hat in letzter Zeit außerordentlich hohe Verluste erlitten, namentlich bei einer Dresdner Firma, sowie in Rußland und in den Balkanstaaten. Von letzterer Seite insbesondere hatte Herr Grunert ganz bedeutende Aufträge erhalten, auf die seine Fabrikation zugeschnitten war, die aber infolge des Ausbruchs des Balkankrieges nicht ausgeführt werden konnten. Dadurch und durch die infolge der allgemeinen politischen Wirren hervorgerufene allgemeine geschäftliche Unruhe und Unsicherheit trat eine Stockung in seinem ganzen Absatz und damit in seinen Einkünften ein, so daß sich Herr Grunert behindert sieht, seine Verpflichtungen voll zu erfüllen“.

Das Konkursverfahren wurde eröffnet und ein Zwangsvergleichs-Vorschlag gemacht.

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„Das Konkursverfahren über das Vermögen des Pianofortefabrikanten Alfred Hermann Grunert in Johanngeorgenstadt … ist aufgehoben, nachdem der in dem Vergleichstermine vom 29. August 1913 angenommene Zwangsvergleich rechtskräftig bestätigt ist“.

Die Filiale in Chemnitz wurde 1914 gelöscht.

„Johanngeorgenstadt. In der Nacht vom 3. zum 4. August 1916 brach in der Hofpianofortefabrik von A. H. Grunert Feuer aus, das die alte Fabrik vollständig in Asche legte. Das Feuer ist wahrscheinlich im Maschinenraum entstanden, fand in den aufgestapelten großen Holzvorräten reiche Nahrung und wurde unterstützt durch den herrschenden starken Sturm, sowie durch das verspätete Eingreifen der Feuerwehr von Johanngeorgenstadt. Holzvorräte und sämtliche Maschinen wurden vernichtet, von der alten Fabrik sogar die Umfassungsmauern zerstört. — Der Betrieb wird in der im Jahre 1911 erbauten und mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit versehenen neuen Fabrik fortgesetzt, so daß in der Anfertigung und Lieferung von Pianos keine Unterbrechung eintritt“.

„Der Brand hatte ein „gerichtliches Nachspiel gehabt. Der damalige Feuermann der Firma, der schon am Tage nach dem Brande überführt werden konnte, daß das Unglück durch seine Fahrlässigkeit entstanden war, ist in der vergangenen Woche wegen fahrlässiger Brandstiftung zu 1 Monat Gefängnis verurteilt worden“.

„Die Firma A. H. Grunert, Pianofortefabrik in Johanngeorgenstadt i. Sa., ist mit Wirkung vom 1. April 1920, unter Ausschluß der Forderungen und Verbindlichkeiten durch Kauf an die Firma Ludwig Hupfeld A.-G. in Böhlitz-Ehrenberg bei Leipzig übergegangen. Das Unternehmen wird unter der Firma A. H. Grunert, Zweigniederlassung der Ludwig Hudfeld A.-G. in Johanngeorgenstadt (Sachsen), weitergeführt. Der bisherige Besitzer, Herr Alfred Grunert, verbleibt auch weiterhin als Leiter der Fabrikation an der Spitze der Zweigniederlassung, so daß für die Fortführung des Unternehmens in der bisherigen Weise jede Gewähr geboten ist. Der gesamte Schriftwechsel ist wie bisher mit Johanngeorgenstadt zu führen“.

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Zur Leipziger Herbstmesse 1924 stellte Grunert in Hupfeld-Haus in Leipzig seine Instrumente aus.

1926 hat die Firma ein eigenes Sägefurnierwerk.1929 wird sie nur noch als Niederlage der Hupfeld AG angeführt“. (Henkel)

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Über 22.500 Instrumente wurden von Grunert geliefert, höhere Serien-Nummern gehören zu Hupfeld-Rönisch-Gebr. Zimmermann

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Quelle:
Zeitschrift für Instrumentenbau, Jahrgänge 17 bis 52