Bock & Hinrichsen

Pianofortefabrik, Rendsburg, 1868 – 1952

Ein Klavierbaumeister aus der Nähe von Freiburg im Breisgau – aus Kirchzarten – fragte nach einem Klavierhersteller im Schleswig-Holsteinschen Rendsburg, der Stadt, die etwa 870 km von ihm entfernt ist. Interessant ist seine Verbindung zu „Bock & Hinrichsen“.

„Schleswig-Holstein, meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht!
Wahre treu, was schwer errungen, bis ein schön’rer Morgen tagt“!

Der Ausschnitt aus der 1844 vorgestellten Hymne Schleswig-Holsteins besingt ein besonderes Stück Land. Das blieb es auch, als es 1867 als Provinz zu Preußen kam, klar. Es beherbergt die meist befahrene Wasserstraße der Welt, den Nord-Ostsee-Kanal, und liegt als einziges Bundesland an zwei Meeren. Die Stadt Rendsburg mit ca. 28.000 Einwohnern ist ebenso eine Besonderheit in Schleswig-Holstein. In ihr hatte der Klavierbau Tradition und der Name „Bock & Hinrichsen“ war bis Anfang des 21. Jahrhunderts als Musikalien- und Musikinstrumente-Fachhandel“ erhalten.

Marcus Gabriel Sondermann war der erste Rendsburger Instrumentenhersteller für Pianos, geboren 1746. Kurz nach 1800 wurde er „in den Listen der Volkszählung als Instrumentenbauer genannt“ (2). Er bot nicht nur „Forte-Pianos“ an, sondern fertigte auch eine Orgel. Sein Geschäft übergab er 1816 seinem Gehilfen und Verwandten F. C. T. Schulze. Dieser wohnte 1820 „auf der Nienstadt“ und empfahl sich als Verfertiger, Reparateur und Stimmer. 1833 unternahm Schulze einen Versuch „zur Verbesserung der tafelförmigen Forte-Pianos. […] Er hat nämlich die Idee ausgeführt, das ganze Saitensystem in einen Rahmen von Gußeisen zu legen. […] Damit war er der erste Klavierbauer in Deutschland, der diese wichtige Erfindung machte. […] In England wurden seit 1825 gußeiserne Rahmen verwendet“ (2). In der Fabrik von Schulze, in der nicht nur Tafelklaviere, seit 1844 auch „aufrechtstehende Instrumente“ (2) hergestellt wurden, waren bis 14 Arbeiter beschäftigt. 1880 starb Schulze im Alter von 87 Jahren.

In der Stadt Rendsburg, damals um 1850 mit ca. 12.000 Einwohnern, existierte noch ein anderer Klavierhersteller: J. Keller.

„Am 13. Januar 1868 übernahmen die Herren Bock & Hinrichsen das Keller’sche Pianofortegeschäft mit zwei Arbeitern und begannen rüstig die Fabrikation von Klavieren mit höchst bescheidenen Hilfskräften. Die junge Firma errang sich jedoch bald durch die Vorzüglichkeit der von ihr verfertigten Instrumente die allgemeinste Anerkennung, und zwar besonders dadurch, daß die Leiter der Fabrik es verstanden, den bedeutenden Fortschritten der Neuzeit einsichtsvoll zu folgen und ihren Instrumenten, trotz billiger Preise derselben, die jetzt allbekannte Solidität in der Ausführung zu geben. […] Als eine besonders erfreuliche Erscheinung ist es in unserer Zeit des unerquicklichen Interessenkampfes zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verzeichnen, daß doch hier und dort freundliche Beziehungen zwischen beiden Theilen zu finden sind und daß letzteres in der Fabrik von Bock & Hinrichsen der Fall, beweist am besten die Thatsache, daß noch zur Zeit Arbeiter seit der Gründung des Geschäftes, jetzt zwar alt und grau, in stets sich gleichbleibender, rastloser, fleißiger Arbeit mit bestrebt sind, ihre langerprobten Kräfte im Geschäftsinteresse bestens zu verwerthen“ (3). Die Treue blieb nicht unbelohnt. Zur Feier des 25-jährigen Jubiläums erhielten sämtliche Arbeiter ein entsprechendes, ansehnliches Geldgeschenk. „Die Feier selbst hatte völlig privaten Charakter und hinterließ bei allen Betheiligten einen höchst befriedigten und freundlichen Eindruck“ (3).

Soweit zum Artikel aus der „Zeitschrift für Instrumentenbau“ vom 1. April 1893.

Ein anderer Artikel berichtet ebenfalls über den Anfang aus einer anderen Sichtweise:

„Im Jahre 1868 verlegte Keller seinen Betrieb in das Haus von H. J. Bock, Kanzleistraße 441“ (2). Die Firma wurde übernommen von Christian Bock, dem Klavierbauer, (geb. 1844) und Karl Hinrichsen. Bald erfolgte durch wachsenden Betrieb ein Ortswechsel in die Räume des Klavierbauers Schulze. „Die Instrumente, die dort entstanden, zählen zu den klanglich schönsten Klavieren der damaligen Zeit. Auf Grund des sehr stabilen Eisenrahmens haben sich die Klaviere […] gut bewährt. Die solide Bauweise war im Lande Schleswig-Holstein, mit den extrem wechselnden Witterungsverhältnissen, notwendig. Zudem wurden besonders viele Klaviere an die Westküste verkauft, weil dort die wohlhabenden Bauern lebten“ (2).

Neben der Fabrik konnten in einem Verkaufsraum Klaviere mit vielen kunstvollen Schnitzereien versehenen Gehäuse besichtigt und erworben werden.

Einschub – gegründet wann?

Nach den Angaben der Weltadressbücher von 1886 – 1900 erfolgte die Gründung 1854, in dem Jahr wurde die Klavierbauwerkstatt von J. Keller gegründet.

Nach den Angaben von 1903 bis 1912 erfolgte die Gründung 1868 so auch nach dem obigen ZfI-Artikel und dem Lexikon von H. Henkel.

Nach dem Artikel „In Rendsburg hat der Klavierbau Tradition“ verlegte 1868 Keller seinen Betrieb in das Haus von H. J. Bock und diese Firma wurde dann ein Jahr später, 1869, von den Herren Bock und Hinrichsen übernommen, so auch spätere Geschäftsanzeigen.

War es so? Die Zeitzeugen schweigen.

Wochenblatt 1869

Schon 1898 erfolgte ein Wechsel in der Geschäftsführung: Herr Hinrich Christian Gottlieb Hinrichsen schied aus der Gesellschaft aus und Herr Hans Nicolaus Marius Bock wurde alleiniger Inhaber „unter unveränderter Firma“ (3). Am 18. Februar 1900 verstarb Herr Hinrichsen im Alter von erst 57 Jahren nach langem Leiden.

Nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, wurde die Produktion von Klavieren aufgegeben. Bis dahin sind ca. 3.500 Instrumente hergestellt worden.

Das Klaviergeschäft übernahm am 1. Dezember 1919 der „Musiklehrer Johannes Stahl“ (2). Schon 7 Jahre später bezog J. Stahl neue Geschäftsräume. Im Keller standen mehrere Räume „für eine Klavierwerkstatt zur Verfügung“ (2). Er begann, wieder Klaviere von Bock & Hinrichsen zu vertreiben.

„Besonderen Wert legt der jetzige Inhaber darauf, unter dem Namen Bock & Hinrichsen ein Qualitätsklavier zu vertreiben, das als Hausmarke in namhaften Fabriken hergestellt wird und dem alten Namen nach wie vor zur Ehre gereicht“ (3). Interessant wäre, welche Seriennummern diese Instrumente hatten.

Hans Bock, der seine Pianofortefabrik und -Handlung 1919 in Rendsburg verkauft hatte, eröffnete 1920 in Kiel eine Pianoforte-Handlung.

1923 bot die „Klavierhandelsfirma Bock & Hinrichsen“ neben Klavieren und Flügeln auch „Musikinstrumente aller Art“ an, ebenso „Sprechapparate“ mit Schallplatten.

Notwendig wurde die Einrichtung einer Filiale in Heide/Holst. für Flügel und Pianos. „Das Pianohaus Bock & Hinrichsen, Inhaber Johannes Stahl, genießt allenthalben Ansehen und Vertrauen“ (3).

Der Pianofortefabrikant und Gründer Hans Bock starb Anfang 1924 im Alter von 80 Jahren. „Der alte Herr war als geschätzter Fachmann weit bekannt und lebte in den letzten Jahren abseits reger Geschäftstätigkeit, nahm aber noch mit regem Interesse an den Ereignissen im Fach teil“ (3).

1926 – seit 58 Jahren bestand die Firma „Bock & Hinrichsen“ in Rendsburg. Das 1923 errichtete

Zweiggeschäft in Heide wurde durch den Aufkauf des Musikhauses F. Kater wesentlich vergrößert, aber schon Anfang 1930 wieder geschlossen. Das Stammhaus in Rendsburg blieb unverändert.

„Das in Stadt und Provinz bestbekannte alte Pianohaus Bock & Hinrichsen in Rendsburg mit Zweiggeschäften in Heide und Neumünster hat am 1. Januar 1927 seine Ausstellungsräume und Werkstätten nach Bahnhofstr. 12, dem Tageblatt-Neubau, verlegt. – Das Geschäft hat damit eine wesentliche Vergrößerung und Verschönerung seiner Räume erfahren. Für die Sprechmaschinen-Abteilung ist ein stimmungsvoller Vorspielraum geschaffen, der die Käufer erfreuen wird“ (3). Da war Stimmung!

Weniger Stimmung herrschte Ende 1928 in Kiel. „Die Firma H. Bock, Pianohandlung […] zeigte den Totalausverkauf wegen Aufgabe ihres Geschäftes an“ (3).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mit „einigen Klavierbauern, kriegsbeschädigte Klaviere“ (2) erneuert und modernisiert. In den Wohnungen herrschte Wohnraumenge durch das Flüchtlingsproblem.

„Nun war es wieder die Firma Bock & Hinrichsen, die 1949 mit der Hilfe der Ahlmann Carlshütte eines der ersten Kleinklaviere baute. Das Patent wurde angemeldet. Die Fabrikation wurde jedoch nach wenigen Jahren wieder eingestellt, weil sich der Aufwand bei einer so kleinen Stückzahl nicht lohnte. Andere bekannte Klavierhersteller boten günstigere Klaviere an. So blieb die Werkstatt […] bis in die 70er Jahre erhalten“ (2).

„Johannes Stahl stirbt im Sept. 1945, die Firma wird zunächst von dessen Witwe Lucia Stahl und ab 1948 von deren Enkel Lorenz Kahl weitergeführt, der ein modernes Kleinklavier produziert, von welchem aber nach Großbach 1999 nur etwa 5 Stück gebaut werden. Kahl kauft 1952 das Haus Nienstadtstraße 2 und betreibt hier die Handlung“ (4). Nach Konkurs und Besitzerwechsel befindet sich dort heute eine Gitarrenschule.

„Interessant ist seine Verbindung zu Bock & Hinrichsen“. Der eben genannte Enkel Lorenz Kahl ist der älteste Onkel von Frank-Michael Kahl, dem Klavierbaumeister aus Kirchzarten. Er gab mir den Anstoß und Material für diesen Artikel, vielen Dank.

Quellen:

  • „Bock & Hinrichsen, 125 Jahre, Festschrift“ (1)
  • „Rendsburg, Klavierbau-Tradition“ (2)
  • „Zeitschrift für Instrumentenbau“ (3)
  • Lexikon, Henkel (4)