René, Carl A.

Pianofabrik in Stettin, 1881 – nach 1926

Konsul, Ritter hoher Orden, Hofpianofortefabrikant, Ehrenmitglied, Pianoforte-Handlung, Zwangsversteigerung, Steckbrief, Verhaftung – Neufirmierung – und dann? So ein Aufstieg, so ein Abstieg – gab es zu Kaisers Zeiten, – bis in unsere Zeiten.

Wer war der Konsul für Guatemala in Stettin; der Konsul von Ecuador?

Herr Carl Johannes Ludwig Alfred René, ein Sohn von Einwanderern aus Frankreich, geboren 1861 in Stettin, gestorben nach 1929, sein Vater Carl Alfred René lebte von 1833 – 1876.

In einem (einzigsten) Inserat gibt Carl A. René in Stettin 1881 bekannt:

„Lieferant für Kgl. Seminarien und Präparandenanstalten (unterste Stufe der Volksschullehreraus-bildung), Ehrenmitglied der Akademie für Kunst und Wissenschaft in Neapel“. Seine Spezialität: „René´s Patent-Export-Pianinos und -Flügel, hergestellt aus präparirten Hölzern nach patentirter Methode, vorzüglich in Ton und Spielart und von grösster Haltbarkeit“.

Seine hochgepriesene Patente, seine Erfindungen:

Patentschrift von 1880
Patentschrift

Mit einer eigens entwickelten Methode versuchte der Pianoforte-Fabrikant das von ihm verwendete Holz durch besondere Vorgänge künstlich altern zu lassen. Er pries seine Hölzer an, auch für Resonanzböden, sie würden bisherige verwendete Hölzer bei Weitem übertreffen.

Anerkennenswert die sehr aufwendige Beschreibung und das dazugehörige Bild.

Allerdings haben sich andere Klavierhersteller von seinen Mühen nicht überzeugen lasssen.

Zu den Ausstellungen in Detmold und Königsberg 1881 konnten Fachleute über seine 2 Pianinos staunen, „denen keine gute Arbeit nachgesagt wird. Es ist möglich, daß die Instrumente von anderen Firmen hergestellt wurden, denn in den Fachzeitschriften wird bestritten, daß René selbst produziert, obwohl er seine Firma `Herzogliche Sächsische Hofpianofortefabrik` nennt“ (Henkel).

Noch im Dezember 1881 gestattete ein Polizeibericht einen Einblick in die Pianofortefabrik: Es waren zwei kleine Räume mit zwei bis drei Arbeitern, die Reparaturen ausführten. Ein Arbeiter berichtete: „Bei mehreren Instrumenten aus den Fabriken Seiler zu Liegnitz, Westermayer zu Berlin, Blüthner zu Leipzig habe ich die Firmen der Fabrikanten entfernen müssen … Sämmtliche Bezeichnungen, welche darauf hindeuten, daß die Instrumente aus fremden Fabriken stammen, habe ich entfernt und dafür die Firma der Privatklägerin aufsetzen müssen. Neue Instrumente haben wir nicht gebaut“. (Henkel) 1884 fand die Zwangsversteigerung der „hiesigen Pianofortehandlung“ statt. Die Pfändung betraf nicht nur das gesamte Warenlager, „sondern auch das gesammte Wirthschaftsinventar einschließlich Pferd und Wagen […] Das Lager ist aufgelöst und die Inhaberin des Geschäftes,Wittwe René, befindet sich mit ihrem Sohne, dem Konsul von Ecuador, C. A. René, seit längerer Zeit nicht mehr in Stettin. […] Ob damit die thatsächliche Auflösung des Geschäftes ausgesprochen sein soll, muss die nächste Zukunft lehren. […] Dass bei dieser Lage die genannte Firma im Publikum das Vertrauen einbüsste, kann ebensowenig Wunder nehmen, wie dass ihr eine frühere verliehene Auszeichnung als Hoflieferant amtlich wieder entzogen wurde. Die wider den Konsul C. A. René noch schwebenden Anklagesachen wurden kürzlich wieder vertagt“. Er selbst erschien nicht zu den Terminen und ließ sich auch nicht durch einen Rechtsanwalt vertreten. Ja, wie weiter? Ist ihm Stettin zu heiß geworden?

Der „Exkonsul“ richtete 1884 sich in Gotha (Thüringen) ein. Wollte er mit einem in Gotha bekannten Klavierbauer, Ernst Munck, in Konkurrenz treten? „Es bleibt abzuwarten, ob René nach seinem Fiasco in Stettin sich wieder erdreisten wird, die Geschäftswelt mit seinen Reclamen zu belästigen“.

Nein, nicht nur mit Reklamen. Hier, in Gotha, trat schließlich der „Consul zur Disposition“ der argentinischen Republik und „Ritter hoher Orden“ auf. Sein Plan war „eine Filiale einer Pianofortefabrik in Stettin hier gründen zu wollen“. Irgendwie aber, durch sein Auftreten und seinen geplanten Aufwand wurde die Polizeibehörde aufmerksam und eine Nachfrage polizeilicherseits notwendig. Die Rückantwort lautete, dass seit „vorigen Monat ein Haftbefehl gegen diesen Herren erlassen worden sein“. Er wurde deshalb festgenommen und auf Anforderung der Stettiner Polizei nach Stettin gebracht. Zum Glück gab es bereits seit 1870 eine Eisenbahnlinie, oder wurde er mit der „Grünen Minna“ befördert, dies war ein geschlossenes Pferdefuhrwerk mit Luftschlitzen?

Die „Neue Stettiner Zeitung“ vermerkte, dass der Aufenthalt in Gotha der Behörde bekannt war und hoffte, „sich auf Verlangen freiwillig dem Gericht stellen zu wollen. Da er diesem Verlangen indes nicht entsprach, so musste seine Verhaftung erfolgen. In Berlin soll René noch einen Fluchtversuch gemacht haben, so dass der ihm beigegebene Transporteur sich gezwungen sah, seinen Gefangenen Fesseln anzulegen. In gefesseltem Zustande traf denn René hier gestern auch ein“. Seine Mutter wurde ebenfalls verhaftet. „Einen nicht unbedeutendenVerlust erleidet bei dem Falle des René`schen Geschäftes auch die bekannte Spamersche Verlagsbuchhandlung, bei welcher René, als er bereits Stettin verlassen und den Betrieb seiner Pianofortehandlung nothgedrungen eingestellt, noch 40.000 sehr luxuriös ausgestattete Prospecte in Broschürenform hatte anfertigen lassen. Dieselben repräsentiren einen Werth von einigen Tausend Mark und wurden, als sie hier eingingen, natürlich nicht mehr abgenommen, so dass sie längere Zeit auf der Sammelstelle des hiesigen Güterbahnhofes lagern mussten. Das Titelbild dieser Broschüre zeigt René neben F r a n z L i s z t der eben ein René´sches Pianino prüft“!

Wie war dem Häftling C. A. René die Haft bekommen? Hat er sich verändert, verbessert?

1887 hatte er Stettin wieder zu seinem Domizil erwählt. „Die Firma heisst René & Co. und besteht aus dem Ex-Consul, der Mutter und dem Onkel. Auf den Briefbögen fehlen auch jetzt wieder die bekannten Schlagwörter als `Herzoglich Sächsische Hof-Pianoforte-Fabrik, Officielle Lieferanten für königliche Seminare und Präparanden-Anstalten` etc. nicht. Es wäre interessant, zu erfahren, wie Herr René nach seiner traurigen Vergangenheit zu diesem ´Officiellen Lieferanten-Titel für Seminare etc.` gelangt ist“.

René fühlte sich vermutlich besser im Gerichtssaal, statt mit Klavieren zu handeln oder selbst zu bauen (?). Ein Jahr später, 1888, sah man ihn schon wieder im Gericht. „Der Angeklagte hatte es vor mehreren Jahren übernommen, einem dortigen Geschäftsmann einen portugiesischen Konsulatstitel und den portugiesischen Christusorden zu verschaffen“. Dafür erhielt er einen Revers über 6000 M, also eine schriftliche Zusage für den Betrag. Der Deal ging nicht auf, man einigte sich Herrn René für seine Bemühungen 300 Mark zu zahlen, er erhielt aber nur 30 Mark damit seine Schulden beglichen werden sollten. Natürlich sah er sich geprellt und versuchte mit äußerst ungewöhnlichen „Winkelzügen“ zu seinem Vorteil zu kommen. Urteil: 14 Tage Gefängnis.

In heutiger Zeit wäre er in Handschellen gleich zu seinem vorübergehenden Aufenthaltsort begleitet worden. Damals aber durfte er noch etwas frische Luft schnappen. So ganz freiwillig wollte er die 14 Tage gesiebte Luft aber auch nicht einatmen. Oder hatte er das Urteil gar vergessen?

Die Strafe musste er antreten, dann eben mit einem Steckbrief, der 1890 veröffentlicht wurde:

Gegen den unten beschriebenen früheren Pianofortefabrikanten, jetzigen studiosus phil. Carl Johannes Ludwig Alfred René aus Stettin, geboren am 6. Dezember1861 zu Stettin, zuletzt ebendaselbst aufhaltsam gewesen, welcher flüchtig ist oder sich verborgen hält, soll eine durch vollstreckbares Urtheil des Königlichen Landgerichts zu Stettin vom 30. November 1888 erkannte Gefängnißstrafe von 14 Tagen vollstreckt werden. Es wird ersucht, denselben zu verhaften und in das nächste Gerichtsgefängniß … abzuliefern. […] Beschreibung: groß, schlank, dunkeles Haar, bartlos, starrer Blick“.

Halt, halt, die Medien wiedermal. René ist doch nicht flüchtig! Der Steckbrief wurde nach 20 Tagen öffentlich zurückgezogen mit folgender Berichtigung:

… ist eine Bekanntmachung zum Abdruck gelangt, welche mich als flüchtig hinstellt. – Ich erwidre hierauf, daß ich weder flüchtig bin, noch Ursache dazu habe. – Anlaß zu jener Muthmaßung hat, irrthümlicherweise, eine Reise nach Ostpreußen gegeben. […] Während meiner Abwesenheit erschien […] die erwähnte Bekanntmachung; dieselbe wurde jedoch amtlich […] zurückgezogen“.

Noch bevor die Berichtigung des Steckbriefes erschien bekam ein thüringischer Lehrer Anfang 1890 eine Postkarte mit Rückantwort:

Hochgeehrter!

Es liegt in unserer Absicht, unsern preisgekrönten Pianinos dort Eingang zu verschaffen. Wir wenden uns deshalb an Sie mit der ergebenen Anfrage, ob Sie geneigt wären, für uns eine Agentur oder stille Vertretung zu übernehmen. Unsere Pianinos sind von Dr. Franz Liszt als vorzüglich anerkannt, sie sind seit 1875 amtlich in die Seminare eingeführt.

Sehr günstige Bezugsbedingungen. Absolute Garantie für Güte und Haltbarkeit auf 20 Jahre, frachtfreie Lieferung ohne Preisaufschlag, kostenfreie Probesendung an die Reflektanten, damit dieselben sehen und prüfen können. Annahme alter Instrumente zu vollem Werthe. Provision 10 – 12%. Sollte unser Besuch dort zweckmäßig sein, so kommen wir gerne nach dort. Könnten Sie uns die Adressen geeigneter Collegen aus Nachbarstädten angeben? Bitte bei Antwort Ihre Adresse und Poststation genau anzugeben!

Hochachtungsvoll

René & Co., Hof-Pianofabrik, Stettin“.

Weiter war zu lesen:

Schon früher erhielten wir eine ganz gleiche, ebenfalls an einen Lehrer adressirte Karte aus der Rheingegend zugesandt. Die Vermuthung liegt nahe, daß der im obigen Steckbrief erwähnte C. Joh. Ludw. Alfr. René mit der Firma René & Co. in Verbindung steht“.

Ein Jahr später, 1891, meldeten sich Klavierhändler (der Bund Deutscher Klavierhändler bestand um diese Zeit noch nicht) mit der Überschrift: „Wie man heutzutage Pianos an den Mann zu bringen sucht“. Die marktschreierischen Reklamen, Postkarten mit Rückantwort an Lehrer und Organisten wurden aus der Rheingegend bekannt. Besonders „welche von René & Co. in Stettin jahraus, jahrein“ verschickt wurden, siehe oben.

Es ist nur Schade, daß sich unsere deutschen Pianohändler noch nicht zu gemeinsamen Vorgehen gegen solche Concurrenz haben einigen können. Erst dadurch und durch Aufklärung des großen Publikums in der Tagespresse kann Abhilfe geschaffen werden“.

Wie einfach wäre es mit Facebook gewesen.

1892 erfolgte die Eintragung in das Berliner Firmenregister als Zweigniederlassung der Stettinger Firma René & Co. Inhaber sind Carl Alfred René und ein Kaufmann, beide aus Stettin. Das „Berliner Geschäftslokal“ war in den Berliner Adressbüchern bis 1894 nachweisbar.

Eine letzte Meldung von René & Co: Auf der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 war er mit einem Konzertpianino vertreten. Vielleicht das, welches „Dr. Franz Liszt“ so sehr gelobt hatte.

Der Konsul – eine Persönlichkeit in Stettin? – Wie kam er zu den hohen Titeln? Er „verschaffte“ sich vermutlich selbst die Titel, wie er auch einem Geschäftsmann einen Konsulatstitel und Orden verschaffte, s. oben.

Den Artikel schreibe ich weniger um den Pianohändler oder wie er sich außerdem nannte, ein Denkmal zu setzen, allein ein Beispiel aus kaiserlichen Zeiten aufzuzeigen.